Mit Getöse gegen Seeräuber

Überfälle auf Handelsschiffe nehmen zu. Meistens wollen die PiratenbandenLösegeld erpressen. Reedersetzen auf Lärmkanonen und elektrische Zäune, um die Besatzungen zu schützen

VON Patrick Hagen und Katrin Berkenkopf Der Massengutfrachter Lehmann Timber fährt mit Kurs auf den Suezkanal, als die Piraten am 28. Mai zuschlagen. Seitdem befindet sich das Schiff der Lübecker Reederei Lehmann mit 15 Besatzungsmitgliedern in ihrer Gewalt. Der jüngste Überfall auf ein Frachtschiff ist Teil einer Serie spektakulärer Geiselnahmen. In den ersten drei Monaten 2008 wurden nach Zahlen des International Maritime Bureau (IMB) bereits elf von deutschen Reedern kontrollierte Handelsschiffe angegriffen.

Für die Reeder ist es schwer, sich gegen die Angriffe zu wappnen. Das IMB empfiehlt, die gefährlichen Küstenregionen möglichst weiträumig zu umfahren. Das ist in einer Meerenge wie dem Golf von Aden aber nicht möglich, die Zufahrt zum Suezkanal ist eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt.

Die gestiegene Bedrohung durch Piraten hat Sicherheitsfirmen und Rüstungsunternehmen auf den Plan gerufen, die eine Marktlücke wittern. Sie bieten eine reichhaltige Palette von Hilfsmitteln an, mit denen das Entern des Schiffs verhindert werden soll: Elektrozäune sollen die Angreifer mit Stromschlägen abhalten und Gleitsprays das Deck unpassierbar machen. Bereits erfolgreich zum Einsatz gekommen ist eine Akustikkanone. Sie feuert zielgerichtet Schallwellen von bis zu 150 Dezibel auf die Angreifer. Die Besatzung an Bord soll vor dem Lärm geschützt sein.

Das Kreuzfahrtschiff Seabourn Spirit konnte mit einer solchen Lärmkanone einen Angriff abwehren. „Die Geräte werden unseres Wissens zurzeit nur auf Passagierschiffen eingesetzt“, sagt Schifffahrtsexperte Dieter Berg von der Münchener Rück. Eine andere Möglichkeit zum Schutz der Besatzung sind Panic Rooms – gut abgesicherte Räume, in die sich die Schiffscrew bei einem Überfall zurückziehen kann.

Außerdem finden sich immer häufiger bewaffnete Sicherheitsleute an Bord. Davon hält IMB-Direktor Pottengal Mukundan nichts. „An Bord gibt es sehr viel empfindliches Equipment.“ Kommen Waffen zum Einsatz, müsse die Schiffsführung mit langwierigen Untersuchungen rechnen. „Wir glauben nicht, dass ein Sicherheitsservice privater Firmen die richtige Antwort auf das Problem ist. Vielmehr ist es nötig, den Druck auf Regierungen zu erhöhen, sodass diese ihre Polizei, ihre Marine und Küstenwache mit entsprechendem Nachdruck einsetzen“, so Mukundan im Vorfeld der Sicherheitskonferenz Maritime Security & Defence (MS&D), die im September in Hamburg stattfindet. Empfehlenswert seien Routenkontrollgeräte, die jederzeit unbemerkt die Position des Schiffs aussenden.

Vor allem die Gewässer vor Somalia sind gefährlich. Auch vor Nigeria nehmen die Angriffe von Piraten stark zu, in der einst berüchtigten Straße von Malakka zwischen Malaysia und der indonesischen Insel Sumatra gehen sie dagegen zurück. Die Reeder beunruhigt, dass die Piraten es immer mehr darauf anlegen, Lösegeld für die Crew zu erpressen. „Es hat eine doppelte Verschiebung des Piraterieproblems gegeben“, sagt Schifffahrtsexperte Berg. Die Banden, die heute vor den Küsten Nigerias und Somalias aktiv sind, zielen statt der Ladung auf die Besatzung. „Sie gehen dabei mit großer Brutalität vor und kidnappen ganze Crews“, sagt Berg. Die Piraten sind schwer bewaffnet und greifen mit kleinen, extrem schnellen Booten an.

Transportversicherer schätzen, dass die Angriffe von Piraten die Schifffahrt viel Geld kosten. Versichert sei davon nur ein kleiner Teil, sagt Knut Remhof, Schiffsversicherungsspezialist beim Makler Marsh. „Vermutlich landen die meisten Schäden von Piraterie bei den Reedern“, sagt Remhof. Für einen Schaden am Schiff zahle die Kaskoversicherung, für gestohlene oder zerstörte Ladung die Warentransportversicherung. Häufig seien diese Schäden so niedrig, dass sie noch in den Selbstbehalt des Reeders fallen.

Wird die Mannschaft als Geisel genommen, zahlen in der Regel die Reedereien das Lösegeld. Die französische Reederei CMA CGM soll 2 Mio. Euro für die 30 Geiseln auf der Luxusjacht Le Ponant aufgebracht haben. Für die Crew des spanischen Trawlers Playa de Bakio sollen 1,2 Mio. $ geflossen sein. „Das sind aber spektakuläre Einzelfälle“, sagt Berg von der Münchener Rück. In den meisten Fällen lägen die Summen weit darunter.

Einige Versicherer bieten sogenannte Kidnap & Ransom-Policen an, die bei Entführungen einspringen. Solche Deckungen schließen Unternehmen für Führungskräfte ab, bevor sie in Krisengebiete reisen. „Nach unserem Wissen sind diese Policen für Schiffsbesatzungen nicht weit verbreitet“, sagt Berg. Wer eine abgeschlossen hat, sollte darüber ohnehin nicht reden.

Zitat:

“ „Sie gehen mit großerBrutalität vor undkidnappen ganze Crews“ “ – Dieter Berg, Münchener Rück –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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