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Erste Krankenkassen unterziehen sich einem externen Rating – und hoffen, dass Konkurrenten nachziehen Anja Krüger und Herbert Fromme

In die staatlich regulierte Welt der gesetzlichen Krankenkassen dringen Instrumente aus der Wirtschaft vor. Zum ersten Mal haben sich mit der Hanseatischen Krankenkasse (HEK) und der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) zwei Akteure aus diesem Lager einem Rating unterzogen. Die Kölner Ratingagentur Assekurata gab den Kandidaten die zweitbeste Bewertung „A+“, was einem „sehr gut“ entspricht.

Die mehr als 200 gesetzlichen Kassen in Deutschland sind für die medizinische Versorgung von 90 Prozent der Menschen in der Bundesrepublik verantwortlich. Die übrigen zehn Prozent sind bei privaten Anbietern krankenversichert.

Das deutsche Gesundheitssystem steht nach Ansicht von Experten vor einem Paradigmenwechsel. In welche Richtung es geht, hängt von der Bundestagswahl ab. Je nachdem, welches politische Lager gewinnt, könnte es zur Einrichtung einer Bürgerversicherung kommen, für private Anbieter blieben nur noch Zusatzversicherungen. Oder der Markt wird privatisiert, wie es in den Niederlanden geschehen ist. HEK-Vorstand Jens Luther geht davon aus, dass Deutschland sich in Richtung des niederländischen Modells bewegen wird. Mit einem Rating bereite man sich darauf vor. „Wir müssen uns wie Dienstleister verhalten“, sagt er. Nach seiner Auffassung entwickeln sich die Kassen von behördengleichen Organisationen zu Unternehmen, die sich auf dem Markt behaupten müssen. „Ratings sind gut für den Wettbewerb“, sagt Luther. Denn sie stellen Vergleichbarkeit her.

Bislang sind Ratings ein wichtiges Instrument vor allem für die Akteure innerhalb der Finanz- und Kapitalmärkte. International anerkannte Ratingagenturen wie Standard & Poor’s oder Moody’s beurteilen die Finanzstärke von Unternehmen oder Staaten in Form von Buchstabenkombinationen. Im Gegensatz zu ihnen bezieht die Assekurata in die Bewertung die Sicht der Kunden ein. Sie prüft etwa die Servicequalität. Schon seit Jahren beurteilt Assekurata private Krankenversicherer. Ihnen dient die Bewertung in erster Linie zu Marketingzwecken. Auch die Kassen sehen hier den größten Nutzen. „Gesetzliche Krankenkassen können sich mit einem Rating im Markt besser positionieren“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer von Assekurata. Zwar gibt es auch für Kassen schon Ratings. Die üblichen Verfahren beziehen sich aber nur auf einzelne Ausschnitte wie besondere Versorgungsangebote. Die Assekurata setzt dagegen auf eine umfassende Bewertung, bei der sowohl Finanzstärke als auch Service eine Rolle spielen.

Der KKH, die zwei Millionen Versicherte hat, bescheinigt Assekurata ein sehr gutes Angebot. Die Finanzstabilität bewerten die Experten mit „gut“, die Kundenorientierung mit „sehr gut“. Der HEK mit ihren 370 000 Versicherten attestiert die Ratingagentur ein gutes Leistungsangebot. Auch die Kundenorientierung schneidet gut ab. Die Finanzstabilität sei „sehr gut“. Mit durchschnittlichen Verwaltungskosten von 98,73 Euro pro Versichertem liege die HEK deutlich unter dem Markt, der sich bei 111,10 Euro befindet. Die KKH hat durchschnittliche Verwaltungskosten.

„Wir hoffen, dass sich weitere Krankenkassen einem Rating unterziehen“, sagt KKH-Vorstand Ingo Kailuweit. „Erst dann haben wir einen transparenten Markt.“ Allerdings werden die Ratings von den bewerteten Kassen in Auftrag gegeben. Gefällt ihnen das Ergebnis nicht, müssen sie es auch nicht veröffentlichen.

Tatsächlich könnten Ratings nach Einschätzung von Branchenexperten künftig eine große Bedeutung bekommen. Heute läuft der Wettbewerb der Kassen in erster Linie über den Beitragssatz, also den Prozentsatz vom Gehalt oder Lohn, den Beschäftigte und Arbeitgeber an die Sozialversicherung abführen müssen. Ab dem kommenden Jahr wird es einen einheitlichen Beitragssatz für alle Kassen geben, den die Politik festlegt. Kommt ein Anbieter mit den Beiträgen nicht aus, muss er eine zusätzliche Prämie von den Versicherten verlangen. Hat die Kasse mehr Geld, als sie für die Versorgung der Mitglieder braucht, kann sie es ausschütten.

Derzeit kennt kaum ein Arbeitnehmer den Beitragssatz seiner Krankenkasse, die Finanzstärke interessiert ihn deshalb auch nicht. In Zukunft aber merken Versicherte unmittelbar, ob sie bei einer finanzstarken oder -schwachen Kasse sind. Zusatzprämien werden Beschäftigte wohl akzeptieren, wenn eine Kasse besonders gute Angebote und einen überdurchschnittlichen Service hat. Die Ratingnote können Kassen dann wie ein Testsiegel einsetzen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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