US-Versicherer spüren Kreditkrise

Klagewelle gegen Vorstände erwartet · Trotz Milliardenschäden keine Katastrophe

Von Herbert Fromme Amerikanische Versicherer bereiten sich wegen der Subprime-Kreditkrise auf zahlreiche Ansprüche aus Managerhaftpflicht-Policen vor, die ein Schadenpotenzial im Milliardenbereich haben. Schätzungen für Ansprüche unter den D&O- und E&O-Policen reichen von 3 Mrd. $ bis 10 Mrd. $. D&O steht für Directors‘ and Officers‘ Liability, die Managerhaftung, E&O für Errors and Omissions Insurance, eine spezielle Berufshaftpflicht.

„Es gibt zahlreiche verärgerte Privatleute und Firmen, die gegen Banken, Vermittler und Finanzdienstleister klagen oder klagen werden“, sagt der New Yorker Versicherungsanwalt Thomas Cherry, Partner bei der für die Assekuranz tätigen Kanzlei Wilson Elser. „Sie argumentieren, dass sie nicht korrekt beraten oder nicht voll unterrichtet wurden.“ Das US-Recht neige dazu, dabei Kläger zu begünstigen, sagt Cherry.

Nach Angaben der bedeutenden Chicagoer Unternehmensberatung Navigant Consulting reichten Kläger in den 15 Monaten bis Ende März 2008 insgesamt 448 Klagen vor US-Bundesgerichten ein, die mit der Subprime-Krise im Zusammenhang stehen. Allein im ersten Quartal 2008 waren es 170 Fälle. In 46 Prozent handelt es sich um Klagen von Darlehensnehmern gegen Banken, bei den übrigen ging es um Verluste aus Wertpapieren und Vertragsstreitigkeiten. Von den 170 Fällen des Quartals sind 129 Sammelklagen.

In der Finanzkrise um die Savings- and Loans-Institute von 1986 bis 1995 – ebenfalls durch Hypotheken ausgelöst – gab es insgesamt nur 559 Klagen. „Was 2007 kam, war nur eine kleine Welle, verglichen mit dem Tsunami, der uns jetzt trifft“, sagt Navigant-Chef Jeff Nielsen. Jeder der zehn größten Subprime-Hypothekengeber wird in mindestens einer Sammelklage genannt. Dazu gehören Wachovias World Savings Bank, Bear Stearns (jetzt Teil von JP Morgan), Citigroups CitiMortgage, Wells Fargo, die zu Merrill Lynch gehörende First Franklin sowie Countrywide, jetzt bei Bank of America.

Müssen diese Organisationen zahlen, werden sie versuchen, sich zumindest einen Teil von den Versicherern wieder zu holen. Der in den USA sehr aktive Londoner Versicherungsmarkt Lloyd’s hat bislang rund 100 Subprime-Schadenmeldungen auf dem Tisch, hält die Belastung aber für überschaubar. Die US-Beratungsfirma Advisen erwartet D&O-Schäden in Höhe von 3,6 Mrd. $, im Sektor E&O müsse man mit der selben Summe rechnen. Bei jährlichen Prämieneinnahmen von rund 6,25 Mrd. $ seien die Schäden „schmerzhaft, aber nicht katastrophal“. Andere Experten rechnen mit bis zu 10 Mrd. $ Belastung.

Die Krise wird die US-Versicherungswirtschaft und die internationalen Rückversicherer treffen. Einzelne Unternehmen, darunter Weltmarktführer Münchener Rück, haben aber bereits erklärt, dass sie kaum Schäden erwarten, weil sie kein US-Bankengeschäft gezeichnet haben. Die Versicherer hoffen überdies, dass ein für sie positives Urteil des US Supreme Court aus dem Januar 2008 hilft. Dazu kommt, dass viele Banken eine spezielle D&O-Deckung („Side A“) haben, die nur bei Konkursfällen greift.

Die erwartete Schadenwelle hat die Branche nicht daran gehindert, die Preise für D&O-Deckungen im ersten Quartal um 20 Prozent zu senken. Das hat eine Umfrage der Versicherungseinkäufer-Organisation Risk and Insurance Management Society (RIMS) bei ihren 4000 Mitgliedsunternehmen ergeben.

„Die ganze Schadenwelle wird Jahre dauern, möglicherweise ein Jahrzehnt“, sagt Fachanwalt Cherry. Dabei werde es auch zu zahlreichen Klagen von Kunden gegen Versicherer und zwischen Versicherern und Rückversicherern geben. „Wenn das Geld knapp ist, schaut man sich zuerst einmal das Kleingedruckte in den Policen an“, sagt Cherry.

Zitat:

„Die ganze Schadenwelle wird Jahre dauern“ – Anwalt Thomas Cherry –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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