Arzt auf Privatrezept

Die Deutsche Krankenversicherung (DKV) baut als erster privater Anbieter ein Netz von Partnerärzten auf. Die gesetzlichen Kassen sind allerdings schondeutlich weiter

VON Ilse Schlingensiepen, Köln

Die Deutsche Krankenversicherung (DKV) will als erster privater Krankenversicherer mit einem Netz von Ärzten besondere Leistungen vereinbaren. „Wir wollen frühzeitig die besten Ärzte an uns binden“, sagt Jochen Messemer, Vorstand des zur Münchener-Rück-Gruppe gehörenden Unternehmens.

Bislang haben nur die gesetzlichen Krankenkassen mit Ärztenetzen im Wettbewerb um Versicherte gepunktet. Die Kassen dürfen Verträge mit Medizinern abschließen – etwa über Modelle der integrierten Versorgung. Vorreiter waren die Barmer mit dem bundesweiten Hausarztvertrag oder die AOK Baden-Württemberg mit einem regionalen Modell. Zuletzt hatte die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns mit dem Landesverband der Betriebskrankenkassen eine qualitätsorientierte Vergütung für Fachärzte vereinbart. Voraussetzung für eine bessere Bezahlung ist etwa, dass der Mediziner regelmäßige Fortbildungen nachweist.

Der direkte Abschluss von Verträgen über medizinische Leistungen ist den Anbietern der privaten Krankenversicherung (PKV) bislang hingegen gesetzlich verwehrt – seit Jahren kämpft die Branche um ähnliche Freiheiten, wie sie die Kassen haben. Verträge über Serviceleistungen aber sind zulässig.

Die DKV plant, bis Ende 2008 in 15 Städten rund 300 Fachärzte aus sieben Disziplinen zu gewinnen, darunter Frauenheilkundler, Dermatologen und Ärzte für Innere Medizin. Mit ihnen will sie Serviceverträge abschließen. Später wird das Angebot ausgebaut. Seit Längerem hat die Versicherung unter dem Namen Gomedus in Köln und Düsseldorf zwei Gesundheitszentren mit freiberuflich tätigen Ärzten aufgebaut. Langfristig sollen es zwölf Zentren werden .

Wer ins neue Netz will, muss bestimmte Qualitäts- und Servicekriterien erfüllen. Die Ärzte müssen nach Auskunft Messemers jedes Jahr anonymisierte Daten zur Qualitätssicherung an die Verwaltung des Netzes senden. Sie müssen auch damit einverstanden sein, dass ihre Patienten regelmäßig dazu befragt werden, wie zufrieden sie mit den Leistungen des Arztes sind.

Mit gut 800 000 Vollversicherten ist die DKV die Nummer zwei im PKV-Markt. Verglichen mit den großen Krankenkassen – die Barmer etwa hat allein sieben Millionen Versicherte – haben selbst die großen PKV-Unternehmen nur eine geringe Marktdichte. Das macht das Angebot eigener Versorgungsmodelle für die Privaten schwierig. Der Marktführer Debeka und der Branchendritte Allianz haben nach eigenen Angaben derzeit keine derartigen Pläne.

Die Kunden des neuen DKV-Netzes sollen von einem verbesserten Service profitieren. Geplant ist, dass Patienten innerhalb von maximal zwei Tagen einen Termin erhalten und dann nicht länger als 30 Minuten warten müssen. „Es ist auch unser Ziel, dass die Ärzte mindestens einmal die Woche ihre Praxen länger geöffnet haben“, sagt DKV-Vorstand Messemer. Zu den von den Medizinern erwarteten Standards gehört, dass sie Befunde innerhalb von fünf Werktagen an Patienten und Hausärzte schicken. Langfristig will die DKV innerhalb des Netzes die Direktabrechnung installieren. Dann geht die Rechnung nicht mehr an den Patienten, sondern direkt an den Versicherer.

Die Mitgliedschaft im DKV-Partnernetz habe für Ärzte Vorteile, betont Messemer. „Wir werden den Medizinern die Möglichkeit geben, die Partnerschaft innerhalb der berufsrechtlichen Möglichkeiten zu vermarkten.“ Ziel ist, die Mitglieder als Ärzte von „besonders hoher, geprüfter Qualität“ zu positionieren. Sie kämen mit allen Praxisdetails auf die Empfehlungsliste der DKV und würden bei Anfragen am Beratungstelefon genannt. Messemer schließt nicht aus, dass die DKV eigene Tarife auflegen wird, bei denen sich Versicherte an die Ärztenetze binden. Er setzt darauf, dass die Ärzte Interesse daran haben, über die Mitarbeit im Netz mehr Privatpatienten zu behandeln. „Wenn es gelingt, durch das Netz 10 bis 15 neue Privatpatienten zu gewinnen, ist das für jeden Arzt ein attraktives Modell“, sagt DKV-Vorstand Messemer.

Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem erwartet, dass PKV-Unternehmen genau wie die Krankenkassen künftig vermehrt versuchen, über Verträge sowohl die Qualität der Versorgung als auch die Kosten verstärkt in den Blick zu nehmen. Die PKV habe bei den in der amtlichen Gebührenordnung festgelegten Preisen für ärztliche Leistungen zwar über geringe Einflussmöglichkeiten. „Wenn es aber über die Verträge gelingt, die Versicherten zu bestimmten Ärzten zu steuern, kann sich das auch in der Vergütung niederschlagen.“

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GESUNDHEITSWIRTSCHAFT

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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