Inflation macht Swiss Re zu schaffen

Rückversicherer fordert Prämienerhöhungen · Branche erwartet dennoch weiterePreissenkungen

Von Herbert Fromme, Monte Carlo

M it der Swiss Re hat gestern nach der Münchener Rück der zweite Rückversicherer beim Welttreffen der Branche über wachsende Probleme durch die Folgen der Inflation geklagt und Prämienerhöhungen verlangt. Swiss-Re-Chef Jacques Aigrain sagte gestern, die Inflation schade den Versicherten, den Versicherern und den Rückversicherern. „Wir machen uns deshalb Sorgen.“ Höhere Energie- und Nahrungsmittelpreise ließen die Preise stark steigen. Vor allem beunruhigten ihn die „medizinische Inflation“ durch bessere und teurere Behandlungsmethoden sowie die „soziale Inflation“ – die Tatsache, dass Gerichte zunehmend höhere Schadensersatzansprüche bestätigten, weil die Wertesysteme der Gesellschaften sich ändern.

Die Sorge vor den Inflationsfolgen ist für die Rückversicherer ein weiteres Argument, mit dem sie den Verfall der Rückversicherungsprämien bei den Vertragserneuerungen zum 1. Januar 2009 eindämmen wollen. Daneben verweisen sie in den Gesprächen mit ihren Kunden, den Erstversicherern wie Axa oder Zurich, auf die hohen Sturmrisiken in den USA und die Kapitalmarktkrise. Bisher fruchteten die Argumente nicht: Analysten, Ratingagenturen und Rückversicherer selbst gehen von weiter fallenden Preisen aus.

Rückversicherer übernehmen hohe Haftpflichtdeckungen, zum Beispiel in der Rückversicherung von Autorisiken. Wenn ein Schaden über 20 Jahre oder länger abgewickelt wird, weil beispielsweise ein Unfallopfer schwerbehindert bleibt, sorgt die Inflation für höhere Schadenbelastungen als zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses angenommen.

In Europa haben Versicherer und Rückversicherer dafür Indexklauseln vereinbart. „Diese Klauseln müssen angepasst werden“, forderte Swiss-Re-Vorstand Michel Liès. In den USA sollten sie eingeführt werden, verlangte er.

Damit folgt die Swiss Re dem Weltmarktführer Münchener Rück, der von Kunden einen Zuschlag von 30 Prozent für bestimmte Verträge verlangen will, um die medizinische Inflation – vor allem hohe Pflegekosten – und weitere Preissteigerungen auszugleichen.

Wenn die Rückversicherer das Inflationsargument ernst meinten, müssten sie dringend ihre Reservesituation überprüfen, hieß es bei Analysten. „Sollten die Rückversicherer auf lange Zeiträume mit Inflationsraten von zwei bis vier Prozent kalkuliert haben, haben sie offenbar nicht allzu viele Szenarien in ihren Modellen gerechnet“, sagte ein Londoner Analyst skeptisch.

Wirksam waren die Argumente für Preiserhöhungen bislang nicht. Alle Versuche der Branche, den Rückgang aufzuhalten, sind fehlgeschlagen. „Die Rückversicherer sind zwar noch nicht in einer tiefen und langen Niedrigpreisphase, aber ihr deutlich näher als vor einem Jahr“, sagte David Stephenson von der Ratingagentur Fitch. „Wir erwarten, dass sich Rückversicherungspreise in den meisten Ländern und Sparten weiter nach unten bewegen, aber langsamer als im vergangenen Jahr“, sagte auch Swiss-Re-Vorstand Liès.

Auch Wilhelm Zeller, Chef des Weltmarktvierten Hannover Rück, spürt den Preisdruck. „Wir erleben Preisrückgänge in zahlreichen Sparten“, sagte Zeller, der 2009 in den Ruhestand gehen will. Das sei auch im deutschen Markt vor allem in der Industrie- und Kfz-Versicherung spürbar. Selbst Deckungen für Ölanlagen im Golf von Mexiko sind billiger als vor einem Jahr, allerdings war dort das Niveau nach den Hurrikans von 2004 und 2005 sehr hoch. Hurrikan „Gustav“ werde keinen weitreichenden Einfluss auf die Preise haben, sagte Zeller. Die Hannover Rück erwartet Marktschäden zwischen 2,5 Mrd. $ und 9 Mrd. $, für das eigene Unternehmen 35 Mio. Euro bis 75 Mio. Euro.

Trotz allem seien die Preise und Bedingungen „in weiten Teilen noch akzeptabel“, sagte Zeller. Das spiegelt das Problem der Rückversicherer wider. Sie müssen in einem argumentativen Spagat zwei Zielgruppen ansprechen. Aktionären und Kapitalmärkten signalisieren sie, dass sie nur gewinnbringendes Geschäft annehmen, den Kunden, dass die Preise nicht mehr akzeptabel sind.

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Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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