Lokal handeln, global denken

Inhouse-Broker legen Programme für den weltweiten Schutz gegen Ansprüche auf

Von Herbert Fromme

Rund 12 000 deutsche Unternehmen haben zwei oder mehr Niederlassungen im Ausland, schätzt Reinhard Franke, Deutschlandchef des US-Versicherers AIG. „Sie haben damit Bedarf für ein koordiniertes internationales Versicherungsprogramm.“ Viele Unternehmen verlassen sich aber darauf, dass ihre örtlichen Niederlassungen sich lokal Versicherungsschutz besorgen. „Woher aber soll eine Vertriebsniederlassung mit neun Mann das Wissen haben, wie sie sich gegen potenzielle Haftpflichtansprüche in Millionenhöhe absichert?“, fragt Franke.

Das Sammelsurium örtlicher Policen bedeutet meistens Probleme – denn die Versicherungsdeckungen sind nicht koordiniert. Das wird spätestens dann sichtbar, wenn ein Haftpflichtschaden grenzüberschreitende Auswirkungen hat, die Versicherung aber lokal geregelt wurde. Der Kfz-Zulieferer sitzt in Deutschland, das Produkt wurde aber in den USA vertrieben. Wer haftet wie, wenn ein Teil defekt ist und zu Unfallschäden führt?

Außerdem sind die aufaddierten lokalen Deckungen in der Regel teurer als einheitliche Programme. Damit diese aber wirklich funktionieren und nicht gegen örtliche Vorschriften verstoßen, müssen sie sehr sorgfältig ausgearbeitet und koordiniert werden. Nicht umsonst gibt es in der Branche gerade eine lebhafte Auseinandersetzung darum, mit welchen Klauseln die Versicherer am besten ihre Kunden davor schützen, im Rahmen eines globalen Programms unabsichtlich Versicherungs- oder Steuergesetze einzelner Länder zu verletzen. Eine marktweite Lösung haben die Versicherer und ihre Fachjuristen noch nicht gefunden.

Die firmenverbundenen Versicherungsvermittler der großen Konzerne verbringen deshalb viel Zeit mit der Erarbeitung internationaler Programme, die meist in Kooperation mit einem international tätigen Maklerunternehmen umgesetzt werden.

Dafür sorgt auch ein gewisser Druck aus dem Topmanagement der Gesellschaften. „Jeder Manager möchte heute natürlich sein Risiko kennen, und wissen, wie es begrenzt werden kann“, sagt Stefan Sigulla, Versicherungschef bei Siemens. Er ist außerdem Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutz-Verbands, über den Industrie, Gewerbe und Gemeinden ihre Versicherungsinteressen vertreten. „Wenn sich ein Unternehmen in Deutschland Absicherung gegen Terrorschäden beim Spezialanbieter Extremus kauft, aber bei der türkischen Tochter auf ähnliche Absicherungen verzichtet, machen sich die Manager vor Ort schon Gedanken darüber“, sagt er.

Viele Hersteller oder Zulieferer seien sich der globalen Risiken nicht bewusst, sagt AIG-Mann Franke. „Wenn Sie Reifen herstellen, haben Sie keinerlei Kontrolle darüber, wo diese Reifen gefahren werden“, argumentiert er. Das heißt aber auch, dass mögliche Ansprüche wegen angeblich oder tatsächlich fehlerhafter Produkte aus fast jedem Land der Welt kommen können.

Die Kapazität für internationale Programme wird in den meisten Fällen von Versicherungskonsortien bereitgestellt. Eine Gesellschaft führt, das heißt, sie handelt die Bedingungen und Preise mit Kunden und Maklern aus, andere beteiligen sich mit Quoten an dem Risiko und den Schäden. Nur eine Handvoll Gesellschaften sind in der Lage, internationale Programme zu führen. Dazu gehören AIG, Allianz, Axa, HDI-Gerling, XL und Zurich Financial. Ein wesentliches Kriterium ist die globale Präsenz der Konzerne.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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