Scor sagt höhere Preise voraus

Rückversicherer widerspricht Mehrheitsmeinung · Gespräch mit KonzernchefKessler

Von Herbert Fromme, Monte Carlo

Die Rückversicherer werden nach Einschätzung der französischen Scor-Gruppe schon sehr bald Preiserhöhungen durchsetzen können. Damit hebt sie sich ab von Einschätzungen der Makler und Ratingagenturen, die ein weiteres Absinken der Prämien erwarten. „Ich teile diese pessimistische Auffassung ganz und gar nicht“, sagte Scor-Chef Denis Kessler der FTD auf dem Treffen der Rückversicherungsbranche in Monte Carlo. „Es gibt Tatsachen, die für ein baldiges Ansteigen der Preise sprechen.“ Trotz des Verfalls der letzten Jahre seien die Prämien heute höher als befürchtet.

Rückversicherer wie Scor schützen Erstversicherer wie Basler oder Gothaer gegen Großschäden und andere Katastrophen. In den vergangenen Jahren haben die Erstversicherer den Einkauf von Rückdeckungen reduziert – sie haben hohe Gewinne gemacht und konnten mit der erhöhten Kapitalstärke mehr Risiken in den eigenen Büchern behalten. Dieser Trend werde sich in naher Zukunft umkehren, sagte Kessler. „Die Kapitalbasis vieler Erstversicherer ist durch die Kapitalmarktkrise zunehmend unter Druck“, erläuterte er. Viele hätten mit ihren Aktieninvestitionen Geld verloren. Außerdem wirke der neue Eigenkapitalstandard der EU, der als Solvency II eingeführt werden soll, bereits auf viele Unternehmen, die sich daran orientieren.

Für die Erneuerung der Eigenkapitalbasis fehlten den Erstversicherern aber jetzt schon einige gewohnte Instrumente, sagte Kessler. „Die Kapitalmarktkrise führt dazu, dass Formen wie Hybridkapital sehr teuer geworden sind.“ Hybridkapital sind nachrangige Anleihen, die von Ratingagenturen als Eigenkapitalersatz anerkannt werden. Die Ausgabe eigener frischer Aktien sei bei den heute niedrigen Kursen keine echte Alternative.

„Rückversicherung ist auch Eigenkapitalersatz, und die wird in ausreichendem Umfang angeboten. Ich bin sicher, dass die Erstversicherer davon wieder verstärkt Gebrauch machen werden“, sagte er. Daneben sei die Verbriefung von Versicherungsrisiken immer noch eine Alternative.

Kessler räumte ein, dass viele Erstversicherer nach wie vor sehr hohe Gewinne ausweisen. „Das hat aber damit zu tun, dass sie die hohen Reserven der Vorjahre zum Teil auflösen können“, sagte er. Das, was aufgelöst werden könne, sei aber inzwischen weitgehend in die Ergebnisse eingeflossen.

Kessler sieht für sein eigenes Unternehmen große Chancen in diesem Marktszenario. Scor war 2001 und 2002 in einer schweren Krise, aus der sich der Versicherer inzwischen befreien konnte. 2006 kaufte er den Kölner Lebensrückversicherer Revios, früher Teil der Gerling-Gruppe, und 2007 den Züricher Konkurrenten Converium. Inzwischen ist Scor die Nummer fünf in der weltweiten Rückversicherung.

Im ersten Halbjahr 2008 erzielte das Unternehmen einen Gewinn von 225 Mio. Euro, ein Anstieg um 24 Prozent bei Prämieneinnahmen von 2,78 Mrd.Euro. Auf vergleichbarer Basis ging der Umsatz damit gegenüber 2007 um 1,4 Prozent zurück. Als Beleg für die vollständige Gesundung nennt Kessler die Ratings. Bei allen vier Ratingagenturen sei Scor jetzt wieder im „A“-Bereich, Standard & Poor’s prüfe eine Heraufstufung von „A-“ auf „A“, sagte Kessler.

„Die Integration von Revios und Converium ist abgeschlossen“, sagte Kessler weiter. Die Zukunft gehöre den innovativsten Rückversicherern. In zehn Projekten entwickelt das Unternehmen neue Rückversicherungsformen. Dazu gehört die spezielle Absicherung des Pflegerisikos.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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