Versicherer zwischen Hoffnung und Ende

AIG verhandelt mit Goldman und JP Morgan über Kredit von 80 Mrd. Dollar ·Gerücht über Staatshilfe bringt Zwischenhoch

Von Sebastian Bräuer, New York

und Herbert Fromme, Köln

Der größte US-Versicherer American International Group (AIG) hat gestern verzweifelt versucht, sich 75 Mrd. $ bis 80 Mrd. $ von einem Bankenkonsortium unter Führung von Goldman Sachs und JPMorgan zu leihen, um die Insolvenz zu vermeiden. In die Gespräche waren auch Vertreter der US-Notenbank Federal Reserve eingeschaltet. Bei Redaktionsschluss lagen noch keine Ergebnisse vor.

Das Unternehmen hat zwar ein kerngesundes Versicherungsgeschäft, hat aber lange Zeit auch das hoch profitable Absicherungsgeschäft für Anleihen betrieben, ähnlich wie die angeschlagenen Bond-Versicherer. Insgesamt sicherte AIG Anleihen über 441 Mrd. $ ab, davon entfallen 58 Mrd. $ auf Papiere, die auf Subprime-Hypotheken basieren. Es ist dieses Spezialgeschäft und nicht die Industrie- oder Privatkundenversicherung, die AIG jetzt an den Rand des Untergangs führt. In den vergangenen drei Quartalen musste die Gruppe bereits Verluste von 18,5 Mrd. $ melden. Sollte es zu einer Insolvenz kommen, würden vor allem die Gegenparteien aus Absicherungen Milliarden verlieren, in erster Linie Banken – weltweit.

Am Montag hatte die New Yorker Staatsregierung unter Governeur David Paterson dem Konzern medienträchtig erlaubt, sich von Tochterunternehmen bis zu 20 Mrd. $ zu leihen – also aus Vermögen, das der Zahlung von Schäden dient und sonst anders angelegt ist. Gestern relativierte die Regierung den Schritt: „Sie haben die 20 Mrd. $ noch nicht“, sagte ein Sprecher der Versicherungsaufsicht. „Das wäre Teil eines breiteren Deals. Wenn der nicht zustande kommt, kommt dies auch nicht.“

An der Wall Street herrscht Entsetzen über die Lage des Versicherungskonzerns. „Wenn AIG fällt, fallen wir alle“, sagte ein Händler. Howard Simons, Analyst bei Bianco Research, griff zu einem drastischen Vergleich: „Am 11. September wurden Gebäude zerstört und Menschen getötet. Jetzt fallen Institutionen. Das ist noch fundamentaler.“

Am Morgen war war die Aktie des Unternehmens erneut abgestürzt. Sie wurde teilweise mit 1,25 $ gehandelt – verglichen mit 4,76 $ am Montag und 60 $ am Jahresanfang.

Gegen 11 Uhr New Yorker Zeit sorgte eine Meldung des Fernsehsenders CNBC für ein kurzes Zwischenhoch auf 4,57 $. CNBC meldete, die Regierung wolle sich doch mit Finanzmitteln an einem Rettungsplan beteiligen. Später relativierte der Sender die Meldung, die Aktie fiel.

Am Montag Abend hatten die Rating-Agenturen Moody’s sowie Standard & Poor’s (S&P) ihre Beurteilung der Finanzstärke des Versicherers drastisch gesenkt. S&P reduzierte sein Rating der Muttergesellschaft gleich um drei Stufen von „AA-“ auf „A-„, das der wichtigsten Versicherungstöchter von „AA+“ auf „A+“. Besonders bitter für AIG: Die Agentur ließ AIG auf Beobachtungsstatus mit negativen Implikationen. Das bleibe auch so lange so, bis AIG Liquidität gewonnen habe und zumindest einen Teil seiner Beteiligungen verkauft habe, sagte S&P-Analyst Rodney Clark. „Wenn diese Schritte nicht erfolgreich sind oder wenn die Verluste im Zusammenhang mit Hypotheken noch größer werden, würden wir die Ratings in die Kategorie „BBB“ senken.

Das würde AIG tödlich treffen. Denn schon die Herabstufung vom Montag Abend hatte drastische Konsequenzen. AIG ist vertraglich verpflichtet, nach einer solchen Neubewertung 13,3 Mrd. $ an Sicherheiten für Vertragspartner zu stellen, die sich bei dem Konzern gegen Verluste aus hypothekenbasierten Anleihen abgesichert hatten. Außerdem sind Vertragsauflösungen möglich, die AIG sofort weitere 4,6 Mrd. $ kosten. Knapp 17 Mrd. $ an Sicherheiten hat AIG bereits gestellt.

Gestern begannen die ersten Versicherungskunden, ihr Engagement bei AIG herunterzufahren und zur Konkurrenz abzuwandern. Bei einem kleineren Industrieversicherungsmakler mit Sitz in New York gab die Firmenleitung die Anweisung aus, zur Erneuerung anstehende Policen von AIG an Rivalen umzulenken. Das berichtete eine Mitarbeiterin der FTD. Für Kunden und Makler ist die Situation problematisch: Kunden müssten um Versicherungsschutz bangen, Makler eventuell haften, wenn Kunden Geld verlieren.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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