Staatshilfe statt Staatsfonds

Commerzbank entscheidet sich gegen Investoren aus Nahost oder Asien · Stille Einlage aus Rettungspaket kostet 500 Mio. Euro

VON Christine Mai,

Rolf Lebert, Frankfurt,

und Herbert Fromme, Köln

Die Commerzbank hat sich bewusst dagegen entschieden, Kapital bei großen internationalen Investoren wie arabischen oder asiatischen Staatsfonds einzusammeln. „Wir haben alle Optionen geprüft“, sagte Commerzbank-Chef Martin Blessing gestern. Das Institut hätte am Markt eine Reihe von Investoren ansprechen müssen, in erster Linie wahrscheinlich Staatsfonds, so Blessing. Die Commerzbank habe sich gegen diese Variante entschieden, „um im Lande zu bleiben“.

Das Institut bekommt nun über eine stille Einlage 8,2 Mrd. Euro aus dem staatlichen Rettungspaket. Damit vermeidet die zweitgrößte deutsche Bank, dass die Anteile der Altaktionäre verwässert werden – und sie am Markt abgestraft wird. Dafür zahlt sie allerdings einen hohen Preis: Bis zu 500 Mio. Euro im Jahr wird die Commerzbank an Zinsen an den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) zahlen.

Die britische Bank Barclays musste Ende voriger Woche einen massiven Einbruch ihres Aktienkurses hinnehmen, nachdem sie beschlossen hatte, statt Staatshilfe frisches Geld von Investoren aus dem Golf zu nehmen. Grund: Auf die Altaktionäre kommt so eine Verwässerung ihrer Anteile um maximal 30 Prozent zu. Seit Ausbruch der Finanzkrise sind milliardenschwere Staatsfonds mehrfach angeschlagenen westlichen Banken als rettende Kapitalgeber beigesprungen. So stützten Temasek und GIC aus Singapur die Schweizer UBS, die China Investment Corporation stieg bei Morgan Stanley ein.

Eine Kapitalerhöhung hätte die Commerzbank auch kaum realisieren können. Das Institut hat seinen Spielraum für Kapitalerhöhungen über Aktienemissionen schon so weit ausgeschöpft, dass für eine größere Platzierung nicht mehr ausreichend genehmigtes Kapital zur Verfügung steht. Kapitalerhöhungen sind ohnehin derzeit schwierig, da viele Investoren Banken kaum noch frisches Geld geben. Meist lassen sie sich nur noch durch hohe Abschläge locken.

Aufsichtsrechtlich gehören stille Einlagen ebenso wie eingezahlte Aktien, Gewinnrücklagen oder nachrangige Anleihen mit langen Laufzeiten zum Kernkapital. Normalerweise stehen einem stillen Einleger im Gegensatz zu einem Aktionär keinerlei Mitwirkungsrechte an der Gestaltung der Geschäftspolitik zu. Allerdings dürften die Verträge mit der Commerzbank dem Soffin einschlägige Rechte einräumen, um die an die Staatshilfe gekoppelten Auflagen wie die Deckelung der Gehälter durchsetzen zu können.

Die stille Einlage wird für die Commerzbank jedoch teuer. Sie besteht aus zwei Tranchen à 4,1 Mrd. Euro, die gleichzeitig fließen. Für die erste fallen pro Jahr im Durchschnitt Zinsen von 8,5 Prozent an, für die zweite 5,5 Prozent. Hinzu kommen Zuschläge etwa für später gezahlte Dividenden. Die erste Tranche wird zu 100 Prozent zurückgezahlt, die zweite zu 100 bis 145 Prozent – je besser die Aktie der Commerzbank sich entwickelt, desto mehr bekommt der Soffin zurück. Es ist allerdings noch unklar, wie die Konstruktion steuerlich behandelt wird. Blessing sagte vor Analysten, die Kosten würden bei maximal 500 Mio. Euro im Jahr liegen.

Ein Grund für diesen hohen Preis dürfte darin liegen, dass der Soffin ein Verlustrisiko trägt. Tritt ein Fehlbetrag ein, werden stille Einleger normalerweise entsprechend ihrem Anteil am Kapital zum Ausgleich herangezogen. Falls es keine Sondervereinbarungen über eine Vorzugsbehandlung des Soffin gibt, muss er dieses Risiko tragen. Das lässt sich der Staat teuer bezahlen.

Die Commerzbank erhält zudem Garantien für Schuldverschreibungen von maximal 15 Mrd. Euro. Der Zins hierfür liegt bei einem Prozent. Blessing sagte aber, die Bank werde die Garantien voraussichtlich nicht benötigen.

Der erst im Mai gekürte Bankchef betonte, an den Vereinbarungen zur Übernahme der Dresdner Bank ändere sich nichts. Die Commerzbank könne auch einen Teil der 8,2 Mrd. Euro zur Finanzierung der Transaktion verwenden. Zur Nutzung des Geldes gebe es keine Auflagen. Auch der Stellenabbau im Zuge der Fusion sei nicht gefährdet: Die damit verbundenen Abfindungen würden von den Auflagen zur Vergütungsstruktur nicht tangiert.

Die Allianz begrüßte den Schritt, obwohl ihr zunächst Dividenden für 2009 und 2010 entgehen. „Die Dividende bleibt ja im Haus“, hieß es. Die Dresdner-Bank-Übernahme sei jetzt stabiler. „Zweifel, ob die Commerzbank den Preis zahlen kann, sind jetzt verschwunden.“ Es gebe keine Transaktionsunsicherheit mehr.

Leitartikel 25

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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