Angst vor einem zweiten Köln

Einsturz des Stadtarchivs alarmiert bundesweit Planer · Experten warnen vorweiteren Unfällen

Von Angelika Dehmel, berlin,

und Anja Krüger, Köln

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs hätte nach Ansicht von Bauexperten verhindert werden können. „Das war menschliches Versagen“, sagte Jens Karstedt, Präsident der Bundesingenieurkammer und Baukammer Berlin gestern der FTD. Nach der genauen Ursache für das Unglück wird zwar noch gesucht. Eine nahegelegene U-Bahnbaustelle könnte jedoch für den Einsturz verantwortlich sein. Man hätte besser messen und kontrollieren können, sagte Karstedt und warnte: „Es gibt viele mit Köln vergleichbare Bauprojekte in Deutschland.“ Bauen im Grundwasser sei gefährlich, das betreffe den Tiefgaragen- oder Tunnelbau im Allgemeinen.

Das Kölner Archiv, in dem wertvolle historische Dokumente lagerten, war am Dienstag vergangener Woche zusammengebrochen. Dabei kam mindestens ein Mensch ums Leben, nach einem zweiten Vermissten wird gesucht. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen Baugefährdung und fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet.

Tiefbauarbeiten wie die in Köln erfolgten meistens in Betonwannen, auf die dann das Grundwasser einen hohen Druck ausübe, erklärte Karstedt. Je tiefer gebaut werde, umso mehr steige auch der Druck und das Gefahrenpotenzial. Ähnliche Tiefbauprojekte werden derzeit bundesweit geplant – so auch in Berlin. Dort soll 2010 die U-Bahnlinie 5 verlängert werden. Gefahr sieht Karstedt hier jedoch nicht: „In Berlin beherrscht man die Methode.“

Trotzdem hat das Kölner Unglück die Planer in der Hauptstadt alarmiert. Zwar habe man inzwischen Erfahrung mit dem schwierigen Berliner Untergrund aus Sand, Wasser und Torf, sagte Friedemann Kunst, Abteilungsleiter Verkehr der Berliner Senatsverwaltung. So habe man beim Umbau des Potsdamer Platzes den Untergrund vereist, um ihn zu stabilisieren. Sollte sich allerdings herausstellen, dass es Fehler seitens der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) gegeben habe, werde man die Berliner Pläne überprüfen.

Grund genug gibt es: Der Kölner Einsturz ist kein Einzelfall. In München gab es bereits ein Unglück, dass mit einem U-Bahnausbau in Verbindung gebracht wurde. Am 20. September 1994 war während der Bauarbeiten für die U2 die Decke des neu aufgefahrenen Tunnels am Bahnhof Trudering durch eindringendes Wasser eingestürzt. In den auf der Straße entstehenden Krater rutschte ein Bus. Bei dem Unglück starben drei Menschen. „Das war eine geologische Problematik, wie es sie in München noch nie gegeben hatte“, teilte das Baureferat in München mit. Trotz besserer Messmethoden gebe es jedoch keine Garantie, dass so etwas nicht noch einmal passieren könnte, sagte ein Sprecher. In München wird derzeit an einer weiteren U-Bahnverlängerung gebaut.

Den Ausbau der Hamburger Hochbahn bezeichnete ein Sprecher gegenüber der FTD als sicher – auch hier heißt es aber: „Eine 100-prozentige Garantie“ gebe es nicht. Der Vorteil gegenüber Köln sei, dass es in der Hafencity noch keine Bebauung gebe. „Wenn also einmal Erde nachrutschen sollte, dann wären hier keine Häuser oder Menschen gefährdet.“

Dass Gebäude gänzlich einstürzen, ist in Deutschland extrem selten. Bei der Versicherung Provinzial Nordwest wurde in den vergangenen Jahrzehnten bislang kein Fall gemeldet. „Der durchschnittliche Schaden in der Gebäudeversicherung liegt bei 10 000 bis 20 000 Euro“, so ein Sprecher.

Auf die Stadt Köln könnten weitere Probleme bei der Versicherung zukommen. Die Unternehmensberatung Kienbaum hatte der Stadt 2006 empfohlen, ihren Versicherungsschutz zu senken. In dem Gutachten, das der FTD vorliegt, heißt es, die Stadt solle in allen Bereichen der Gebäudeversicherung stattdessen Eigenversicherer werden. Damit muss die Stadt keine Prämien mehr an Versicherer zahlen, sondern selbst Geld für Schäden zurücklegen. Inwieweit man der Empfehlung gefolgt ist, wollte die Stadt gestern nicht sagen.

www.FTd.de/Koeln

Wo Löcher lauern

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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