Gutes Wetter schont die Bilanzen

Die Assekuranz musste in diesem Jahr kaum Großschäden verkraften, dieHurrikansaison ist ausgefallen. Das ist kein Grund zur Entwarnung. Dennlangfristig wird die Zahl der Stürme steigen, warnen Experten der Branche

VON Patrick Hagen

Bis zu tausend Todesopfer, Hunderte von eingestürzten Häusern, überschwemmte Dörfer – die Bilanz des Bebens vor Indonesien und des Tsunamis in Samoa am 30. September dieses Jahres ist verheerend. Doch für die Rückversicherer ist die Katastrophe kein Desaster. Die volkswirtschaftliche Belastung schätzt Munich Re auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Die Summe, die Rückversicherer zahlen müssen, liegt aber weit darunter. Die meisten Schäden in der Region sind nicht versichert.

Naturkatastrophen treffen Rückversicherer hart, weil sie Erstversicherer gegen die Folgen von Erdbeben, Stürmen und Hochwasser Deckung geben – das gilt aber nur, wenn solche Ereignisse die Industrieländer treffen. In diesem Jahr ist die Assekuranz weitgehend von Großschäden verschont geblieben. Zu den teuersten Naturkatastrophen gehörten laut Munich Re der Wintersturm Klaus in Europa mit 2,3 Mrd. $ und eine Serie von Tornados und Hagelschäden in den USA mit bis zu 1,3 Mrd. $.

Vor allem das Ausbleiben großer Orkanschäden in Nordamerika schonte die Bilanzen. Hurrikans und Erdbeben kosten die Unternehmen am meisten, dahinter kommen die europäischen Winterstürme. „Bis jetzt ist es eine unterdurchschnittliche Hurrikansaison“, sagt Peter Höppe, Experte für Georisiken der Munich Re. Er zählte sieben tropische Stürme, die so stark waren, dass sie einen eigenen Namen bekommen haben, darunter die Hurrikans Bill und Fred. Von ihnen traf keiner auf die Küste. Offiziell dauert die Hurrikansaison zwar bis zum 30. November. Aber die schlimmste Phase, wenn das Wasser in der Karibik am wärmsten ist, ist vorbei.

Im vergangenen Jahr kostete Hurrikan Ike die Versicherer 20 Mrd. $. Er belegt damit Platz drei auf der Liste der teuersten Stürme. Angeführt wird die Liste von Hurrikan Katrina, der 2005 New Orleans verwüstete und Versicherungsschäden von mehr als 70 Mrd. $ verursachte. 2006 und im Folgejahr blieb die Branche von hohen Zahlungen verschont.

Rückversicherer profitieren von der Angst vor schweren Stürmen oder Erdbeben. Größere Schäden bedeuten auch mehr Geschäft, weil sich Endkunden und Erstversicherer besser schützen wollen.

Die bislang ruhige Hurrikan-Saison überrascht die Versicherer nicht. „Wir haben ein ruhiges Jahr erwartet, weil uns das El-Niño-Phänomen entgegenkam“, sagt Serge Tröber, Sachversicherungschef vom Rückversicherer Swiss Re. El Niño tritt alle fünf bis sieben Jahre auf. Dabei ist die Windgeschwindigkeit in den höheren Atmosphärenschichten so groß, dass sie die Entstehung von Hurrikans stört. Tröber erwartet, dass aufgrund der geringen Katastrophenschäden die Ergebnisse der Branche im dritten Quartal besser ausfallen werden als im Jahr 2008. „Die Rückversicherer konnten ihre Reserven wieder auffüllen“, sagt er.

Dass ausbleibende Großschäden die Erstversicherer verleiten könnten, weniger Rückversicherungsschutz zu kaufen, glaubt er nicht. „Aufsicht und Ratingagenturen verlangen, dass Unternehmen ein bestimmtes Maß an Deckung kaufen.“ Das ändere sich nicht durch ein Jahr ohne Hurrikanschäden. Auf lange Sicht rechnet die Branche mit klar steigenden Sturmschäden. „Bei wetterbedingten Schäden gibt es einen Aufwärtstrend aufgrund einer höheren Frequenz und Schwere der Ereignisse“, sagt Tröber.

Das liegt laut Höppe von Munich Re an zwei unterschiedlichen Phänomenen: einer natürlichen Warmphase und dem Klimawandel. Je höher die Wassertemperatur, desto zerstörerischer sind die Stürme. „Wir rechnen damit, dass die aktuelle Warmphase noch 10 bis 15 Jahre anhält“, sagt Höppe. Dazu kommt der Klimawandel, die Temperatur an der Meeresoberfläche steigt an. „Auch bei der nächsten Kaltphase erreichen wir nicht wieder den Zustand der vorherigen Kaltphase“, sagt Höppe. Früher reichte es, das durchschnittliche Mittel aus den Schäden der Vergangenheit zu bilden und die Inflation einzuberechnen. Das funktioniert nicht mehr. „Die Daten der letzten Kaltphase können wir nicht mehr nutzen“, sagt Höppe.

Nicht alle Naturkatastrophen hängen mit dem Klimawandel zusammen. Die Zahl der Winterstürme in Europa wächst nicht mit der Erderwärmung. Ihre Intensität könnte allerdings steigen, sagt Höppe. „Wir gehen für die nächsten Jahre von einer gleichbleibenden Gefährdung aus.“ Auch bei Erdbeben sehen die Forscher keinen Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Um mögliche Schäden zu berechnen, arbeiten die Rückversicherer mit Modellen – eigenen und solchen von spezialisierten Risikomodellierern. Diese haben allerdings ihre Grenzen. „Die Resultate von Modellen liefern keine exakten Zahlen, sondern ein weites Spektrum möglicher Folgen“, sagt Tröber von der Swiss Re. „Es ist wichtig, die Ergebnisse immer mit dem gesunden Menschenverstand zu überprüfen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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