Eine Frage der Liquidität

Etliche Mittelständler sitzen finanziell auf dem Trock- nen. Das Paradoxedaran: Der Aufschwung könnte an ihnen vorbeiziehen, weil ihnen das Geld fürnötige Investitionen fehlt

VON Katrin Berkenkopf

und Herbert Fromme

Es gibt erfreulichere Anlässe als die Jahresendgespräche vieler Firmenchefs und ihrer Finanzleute mit den Hausbanken. Das Vertrauensverhältnis ist in einigen Fällen dauerhaft erschüttert. Die Banken machen die Schotten dicht – und haben aus ihrer Sicht recht. Denn die Aufsichtsregeln zwingen sie dazu, bei riskanteren Kreditgeschäften mehr Eigenkapital vorzuhalten, und das ist teuer.

Seit Beginn der Krise hätten viele Firmen aus der Not heraus gegen die mit den Finanzinstituten vereinbarten Eckpunkte zur Kreditgewährung verstoßen, sagt Axel Weller, Gesellschafter beim Beratungsunternehmen Management Partner. Dazu gehören Vorgaben zur Ebit-Marge oder der Eigenkapitalquote. Brauchen die Betriebe jetzt frisches Geld, bringen die Banken das Thema auf den Tisch und nutzen es für Neuverhandlungen der Kreditlinien. Das bedeute im Ernstfall nicht nur eine Verschlechterung der Bedingungen und hohe Gebühren für einen neuen Vertrag, sondern nehme vor allem Zeit in Anspruch. „Schnell geht gar nichts“, weiß Weller aus zahlreichen Gesprächen mit Mandanten.

„Liquidität ist das Kernthema“, sagt er. Zu den traditionellen Maßnahmen der Liquiditätsverbesserung gehören das schärfere Eintreiben ausstehender Forderungen, Verzögerungen bei eigenen Zahlungen und der Abbau von Lagerbeständen. „Diese Möglichkeiten sind bei vielen Firmen aber bereits erschöpft“, sagt Weller. Resultat der Liquiditätsklemme könnte eine paradoxe Entwicklung sein: Gerade wenn es bei den Unternehmen wieder bergauf geht und die Nachfrage nach ihren Produkten anzieht, müssten sie möglicherweise Mitarbeiter entlassen, meint der Berater. Denn reduzierte Personalkosten sorgen sofort für neue Liquidität.

Weller sieht bei vielen Firmen die Einsicht wachsen, dass sie noch Jahre brauchen werden, um wieder das Niveau von vor der Krise zu erreichen. „Es wird daher eine ganze Reihe von Unternehmen geben, die ihre gesamten Geschäftsprozesse umstellen müssen“, sagt Weller. Einige Firmen werden also gezwungen sein, Geschäftsbereiche aufzugeben oder zu verkaufen, um sich dann auf die Sanierung der übrigen zu konzentrieren.

„Liquidität ist die Schicksalsfrage des Mittelstands“, sagt auch Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, und verweist auf die neuen Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Sie hat als Hauptursache für die steigende Zahl der Insolvenzen mangelnde Liquidität ausgemacht. Ob die Banken ihre kürzlich gemachten Zusagen zur Kreditvergabe an den Mittelstand einhalten werden, müsse sich erst noch zeigen. Weitere Zurückhaltung könne den Aufschwung abwürgen. „Der Mittelstand steckt in einer akuten Kreditklemme“, meint Ohoven.

So weit will der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) noch nicht gehen. In seinem aktuellen Mittelstandspanel, das gemeinsam vom BDI, Ernst & Young und der IKB Deutsche Industriebank in Auftrag gegeben wurde, stellt der BDI fest, dass es derzeit noch keine Kreditklemme bei den Unternehmen gebe. Dies könne sich aber schnell ändern, wenn die Wirtschaft wieder anziehe und der Finanzbedarf für Investitionen steige.

„Die kritische Rolle des Kosten- und Liquiditätsmanagements und des Zugangs zu externen Finanzierungsmöglichkeiten wird von unseren aktuellen Panelergebnissen deutlich hervorgehoben“, sagt Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young. „Auch wenn in den letzten Monaten Finanzierungs- und Liquiditätslücken von nicht wenigen der befragten Unternehmen durch privates Vermögen geschlossen wurden, ist dies keine Lösung zur Bewältigung des aufkommenden Wachstumskurses.“ Für die Banken sei es natürlich ein Spagat, die Kapitalbedürfnisse der Unternehmen für ihr Wachstum zu berücksichtigen und gleichzeitig die eigene Risikoabsicherung im Auge zu behalten.

Wenn sich die Konjunktur wieder erholt, werden die Firmen voraussichtlich ihre Läger wieder auffüllen. „Auch sollten im Verlauf des Jahres 2010 die Investitionsaktivitäten und damit die Nachfrage nach Investitionskrediten wieder verstärkt zunehmen“, sagt Kurt Demmer, Chefvolkswirt der IKB. „Wenn die Banken – aus verschiedenen Gründen – den sich abzeichnenden Kreditbedarf nicht vollständig decken können, wird dies im Einzelfall zu schwierigen Situationen führen, zumindest aber Wachstumschancen blockieren.“ Viele Firmen hätten aber bereits mit einem strikten Sparkurs reagiert, den Ertragsverfall gestoppt und den Cashflow stabilisiert, meint Demmer. Damit seien sie in der Lage, zumindest am Anfang einer Erholung notwendige Investitionen aus eigener Tasche zu finanzieren.

Laut BDI-Befragung hat derzeit jeder zehnte Mittelständler einen ungedeckten Finanzbedarf. Mehr als die Hälfte aller Firmen wollen ihre Liquiditätsreserven stärken, knapp 40 Prozent ihre Eigenkapitalbasis – wie, bleibt allerdings offen.

Für Unternehmen, die mit Kreditversicherungen arbeiten, brachte der 14. Dezember etwas Hoffnung. Vertreter der Bundesregierung und der Kreditversicherer unterzeichneten an diesem Tag eine Vereinbarung über zusätzliche staatliche Deckungen, für Fälle, in denen die privaten Anbieter ihre Deckungszusagen reduzieren. Bis Ende 2010 können Firmen, denen die Deckung für Lieferungen gekürzt wurde, eine zusätzliche Tranche vom Staat versichern lassen – aber nur in der Höhe, in der ein Kreditversicherer Deckung gewährt. Mit 2,88 Prozent pro Jahr ist die Deckung vergleichsweise teuer.

Die allgemeine Liquiditätsklemme wird dieser Schritt nicht lösen. Er hat aber eine symbolische Bedeutung. Sowohl die Regierung als auch ein bedeutender Teil der Finanzbranche haben mit der Vereinbarung zumindest anerkannt, dass es ein gravierendes Problem gibt.

Die Assekuranz argumentiert, dass sie keine brennenden Häuser versichert – also keine Lieferungen an Firmen abdecken kann, deren Zahlungsfähigkeit infrage steht. Peter Ingenlath, Atradius-Deutschlandchef und Vorsitzender der Kommission Kreditversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, sieht darin eine gute Tat der Versicherer für den Mittelstand. „In den vergangenen Monaten hat sich im Zuge der Wirtschaftskrise die Bonität vieler Abnehmer verändert“, sagt Ingenlath. „Wir können bei deutlich verschlechterter Bonität bestimmte Limite nicht oder nicht mehr in voller Höhe zeichnen.“ Dazu sei die Branche im Interesse der Kunden verpflichtet, meint er: Denn die müssen im Schadenfall 20 Prozent bis 25 Prozent selber tragen. Und das kann eine Firma schon in Schwierigkeiten bringen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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