Versicherer verlässt Deutschland

Delta Lloyd nimmt kein Neugeschäft mehr an · Niederländer konzentrieren sichauf die Heimat

VON Friederike Krieger

und Herbert Fromme, Köln

Der niederländische Versicherer Delta Lloyd Groep, der zum britischen Aviva-Konzern gehört, zieht sich vom deutschen Markt zurück. Der Konzern stellt das Neugeschäft der Töchter Delta Lloyd Lebensversicherung, Hamburger Lebensversicherung und Delta Lloyd Pensionskasse ein. Das Unternehmen wolle sich künftig auf die Kernmärkte Niederlande und Belgien konzentrieren, teilte der Konzern am Donnerstag mit.

Delta Lloyd begründete den Schritt mit dem großen Wettbewerbsdruck und den schlechten Bedingungen für Lebensversicherer in Deutschland. „Momentan liegt das Risiko geringer Renditen fast ganz beim Versicherer, während die hohen Investmenterträge fast ausschließlich den Versicherten zugute kommen“, sagte ein Delta-Lloyd-Sprecher in Amsterdam.

Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs müssen Lebensversicherer ihre Kunden seit fünf Jahren stärker an den stillen Reserven beteiligen. „Für große Versicherer mag das okay sein, aber für einen kleinen Versicherer wie uns ist das ein Problem“, sagte der Sprecher.

Delta Lloyd Deutschland verwaltet derzeit rund 580 000 Policen von rund 300 000 Kunden. 2009 nahm die Gruppe in Deutschland Bruttoprämien von 579 Mio. Euro ein.

Auf bereits bestehende Verträge soll die Entscheidung keine Auswirkungen haben. Sie laufen weiter und werden in „gewohnter Weise“ betreut, so das Unternehmen. Allerdings hat Delta Lloyd für 2010 bereits die laufende Überschussbeteiligung von 4,0 Prozent auf 3,25 Prozent gesenkt. Das deutet darauf hin, dass Kunden auch künftig mit mageren Renditen rechnen müssen.

Damit geht ein weiterer Lebensversicherer in die Abwicklung, den sogenannten Run-off. 2009 hatte Ergo angekündigt, seinen Lebensversicherer Victoria Leben stillzulegen und Neugeschäft künftig nur noch unter der Marke Ergo mit der bisherigen Hamburg-Mannheimer zu zeichnen. Die anstehende Konsolidierungswelle hat damit neben Übernahmen und Fusionen eine dritte Spielart: die schlichte Stilllegung unprofitabler Gesellschaften, für die sich kein Käufer findet.

Aviva hatte die niederländische Delta Lloyd Groep 2009 an die Börse gebracht, ist aber nach wie vor Mehrheitseigner. Der Konzern hatte im Sommer 2009 vergeblich versucht, einen Käufer für die deutsche Tochter zu finden. Damals hieß es in Versicherungskreisen, der Zustand der Bestände sei so schlecht, dass Aviva dem Käufer noch Geld draufzahlen müsse.

Häufige Managementwechsel und ein „tiefes Unverständnis des deutschen Marktes“ bei den niederländischen Eignern, so ein Insider, sorgten bei der deutschen Tochter für eine verlustreiche Entwicklung. 2009 betrug das Defizit nach niederländischer Rechnungslegung 68 Mio. Euro nach einem Minus von 115 Mio. Euro im Vorjahr. Auch die Sanierungsversuche von Delta-Lloyd-Deutschland-Chef Christof Göldi fruchteten nicht. Delta Lloyd musste der deutschen Tochter allein 2008 rund 83 Mio. Euro Zuschuss gewähren. Die Delta Lloyd Groep geht davon aus, dass die deutsche Niederlassung auch 2010 noch rote Zahlen schreiben wird.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s attestierte Delta Lloyd Deutschland in ihrem letzten Rating Ende 2008 eine schwache operative Leistung. „Das zeigt sich an den mäßigen Kapitalerträgen, der schlechten Kosteneffizienz und den fortdauernd schwachen inhärenten Gewinnen, die auf langfristig schwache Gewinnaussichten hinweisen“, schrieb die Ratingagentur seinerzeit.

Während die deutsche Tochter kränkelt, kehrte Aviva wieder in die Gewinnzone zurück: Der Versicherer meldete für 2009 einen Gewinn nach internationaler Rechnungslegung von 1,3 Mrd. £ nach 885 Mio. £ Verlust 2009. Die Kapitalmarkterholung habe dazu beigetragen, die Kosten für Sturmschäden auszugleichen, teilte der Konzern mit. Der Börsengang von Delta Lloyd brachte rund 1,1 Mrd. Euro ein.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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