Auf den Blitz folgt Donner

Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull stürzt Europa ins Chaos: DerFlugverkehr liegt lahm, der Wirtschaft drohen Milliardenschäden. Nur dieVersicherer sind davon kaum betroffen. Und das könnte für sie zum Problem werden

Von Herbert Fromme, Köln,

und Nora Schlüter, Hamburg

In der noblen Königinstraße scheint die Welt noch in Ordnung. Hier, direkt am Englischen Garten in München, haben die beiden Versicherungskonzerne Allianz und Munich Re ihren Sitz, kaum 100 Meter voneinander entfernt. Keine Sorge, drang als Botschaft an diesem Wochenende aus den Zentralen nach draußen, man befürchte keine Schäden durch Flugausfälle, Reisechaos, gestoppte Fließbänder oder was sonst noch alles als Folge des verheerenden Vulkanausbruchs auf Island passieren könnte. „Nicht versichert“, hieß es unmissverständlich.

Es mag ja sein, dass die Asche aus dem Eyjafjallajökull Europa im Chaos versinken lässt. Dass weltweit Hunderttausende auf Flughäfen gestrandet sind, dass allein die Airlines für jeden Tag, an dem das Flugverbot gilt, mit 200 Mio. $ Verlust rechnen, dass Autozulieferer, Computerhersteller und Pharmakonzerne um Bauteile und Wirkstoffe fürchten, die sie eigentlich auf dem Luftweg erreichen müssten. Die Versicherer kratzt das wenig. Noch.

Nach dem ersten Schock atmet man sogar erleichtert auf. Nachdem der Wirbelsturm „Xynthia“ und das Erdbeben in Chile schon das angepeilte gute Ergebnis für 2010 in Gefahr brachten, verhalten sich die Aktienkurse bislang unauffällig. Und die Branchenführer aus München stellen klar: Nein, die Versicherungswirtschaft ist nicht betroffen vom Eyjafjallajökull, dessen Asche für viele andere Konzerne zu einer ökonomischen Katastrophe werden könnte.

Es wird wahrscheinlich noch einige Tage dauern, bis den Granden der Assekuranz schwant, dass dies für sie die eigentliche Katastrophe ist: Ein Großschaden – und kein Versicherer ist betroffen.

Der Risikoschutz ist ihr Geschäftsmodell – und nun zieht es nicht. Unvermeidlich werden sie nun ihren Kunden eine zentrale Frage beantworten müssen: Warum braucht man dann eigentlich noch die Versicherer?

Es ist nicht das erste Mal, dass ein weltweit spürbares Großereignis die Grenzen der Branche für alle sichtbar werden lässt. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York haben viele Versicherer Terrorrisiken über Nacht ausgeschlossen, und in der aktuellen Finanzkrise reduzierten die Kreditversicherer ihre Deckungen ausgerechnet für Krisenbranchen. Beide Male musste der Staat helfen. Nun ist mit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull abermals so ein Fall eingetreten: ein Großschaden, den die Versicherer nicht kalkulieren können – und den sie deshalb gar nicht erst versichern.

Natürlich könnte etwa die Munich Re den Fluggesellschaften Deckungen für Unterbrechungen des Flugverkehrs anbieten, wie sie jetzt durch die Aschewolke oder auch durch Schneefall eintreten. „Bei entsprechender Nachfrage kann das Know-how der Gruppe dazu beitragen, die Folgen solcher Ausfälle für Fluggesellschaften künftig besser abzufedern“, sagte ein Sprecher. Doch bislang gibt es weder die Policen noch Preise dafür – und in den Chefetagen der Airlines ist man sich sicher, dass die Prämien so hoch sein würden, dass sie für die Branche nicht bezahlbar wären.

Und auch für das volkswirtschaftliche Folgeproblem von Vulkanausbrüchen und anderen Großrisiken bieten die Versicherer keine Lösung an: Betriebsunterbrechungen von Unternehmen, die direkt mit der Luftfahrt nichts zu tun haben, lassen sich bislang nicht absichern. Dabei sind die Szenarien erschreckend: Bezogen auf den Wert werden 40 Prozent des Welthandels auf dem Luftweg abgewickelt, binnen wenigen Tagen würde der Stillstand des Flugverkehrs daher spürbare Folgen haben. Wenn die per Luftfracht eingeflogenen Computerchips nicht ankommen, wenn Ersatzteile für Spezialmaschinen aus den USA auf dem Seeweg zwei Wochen länger brauchen, wenn der Medikamentenwirkstoff aus Indien nicht den Weg nach Europa findet, ist ein Produktionsausfall programmiert. Doch die Versicherer bleiben außen vor: „Nicht versicherbar.“

Zunehmend werden diese Lücken zu einem Problem für die Assekuranz. Seit Jahren tüfteln die Versicherer daher an Strategien, an Rechenmodellen und Szenarien, um vermeintlich unkalkulierbare Großschäden prognostizieren und versichern zu können. Schon 2007 kündigte etwa Torsten Jeworrek, Chef für das Kerngeschäft Rückversicherung bei der Munich Re, Verbesserungen an. Mit dem neuen Geschäftsfeld „Special Enterprise Risks“ wolle der Konzern künftig auch solche Risiken decken, versprach er damals. „Wir werden innovative Lösungen zum Schutz vor Risiken zum Beispiel aus politischen Einflüssen, unerwarteten Marktentwicklungen, in der Lieferkette oder aus Reputationsverlust anbieten.“

Herausgekommen ist bislang nicht viel. Bisher forscht die Munich Re vor allem. In der Abteilung „Emerging Risks“ oder Zukunftsrisiken unter der Leitung des Physikers Rainer Sachs – Promotionsthema Chaosforschung – arbeiten Geologen, Naturwissenschaftler, Soziologen, Betriebswirte und Versicherungsfachleute. Ihr Auftrag: Sie sollen Megarisiken in Versicherungspolicen umwandeln. Ein schwieriges Unterfangen.

Sachs und seine Kollegen befinden sich in einem Dilemma. Bei bekannten Risiken wie Stürmen können sie die Häufigkeit berechnen, fügen Faktoren für die Wertsteigerung der Häuser in den betroffenen Gebieten sowie ordentliche Sicherheitszuschläge hinzu und erhalten so eine statistische Wahrscheinlichkeit für bestimmte Schadenhöhen. „Es gibt aber Risiken, bei denen es bislang keine Beobachtungen gibt, bei denen man also auch keine Aussage über die mögliche Schadenhöhe machen kann“, sagt Sachs. Zwar könne man über Szenarien Folgen abschätzen, aber man könne bislang keine Wahrscheinlichkeit für den Eintritt des Szenarios errechnen – und damit keine sinnvolle Prämie. Das gilt für die Auswirkungen von Gentechnik genauso wie für die Folgen elektromagnetischer Strahlen von Handys.

Noch komplizierter ist es bei der möglichen Absicherung von Betriebsunterbrechungen infolge von Lieferketteneinschränkungen. Hier geht es nicht einmal um ein einzelnes Risiko. „Wir stellen uns die Frage, wie die Risikoarten miteinander zusammenhängen und welche Effekte als Auslöser möglich sind, die dann am Ende zu Riesenverlusten führen“, sagt Sachs.

Verschiedene, kaum kalkulierbare Risiken müssten dabei am Ende in eine Versicherung münden: Neben Vulkanausbrüchen können auch Terroranschläge, Hafenschließungen, politische Umstürze oder Ähnliches zu einem Stopp der Fließbänder führen. Bei der kompletten Absicherung von Lieferkettenausfällen werde man daher noch Jahre brauchen, um die Risiken in den Griff zu bekommen, sagt Sachs.

Für die Versicherer sind diese Lücken gefährlich. Schon länger zweifeln nämlich viele Finanzchefs aus der Industrie und ihre Risk-Manager und Versicherungseinkäufer am Geschäftsmodell der Assekuranz. Jurand Honisch etwa, der beim Bertelsmann-Konzern, zu dem indirekt auch die FTD gehört, Risikomanagement und den Versicherungseinkauf betreibt, hat nachgerechnet: Nach seiner Zählung bieten Versicherer nur Schutz für rund acht Prozent der entscheidenden Risiken für seinen Konzern – alle anderen muss das Unternehmen nicht nur selbst analysieren, sondern im Notfall auch selbst decken.

Die Folgen einer Branchenkonsolidierung, plötzliche Nachfrageänderungen, fehlerhafte Softwareupdates, Bußgelder wegen Kartellvergehen, Bestechungsvorwürfe, Kündigungen großer Verträge – all das ist kaum versicherbar. Die strategische Frage lautet also: Lohnt es sich überhaupt noch, Versicherungsverträge abzuschließen und teure Prämien zu zahlen?

Für die großen Konzerne liegt die Antwort auf der Hand. Sie verzichten zunehmend auf Versicherungen, wenn diese nicht gesetzlich vorgeschrieben sind, wie etwa in der Autohaftpflicht. Einen großen Teil der übrigen Risiken tragen sie mit ihrer eigenen Bilanz, oft über den Umweg eines hauseigenen Versicherers oder Rückversicherers.

Vorreiter war in den 90er-Jahren der Energieriese British Petroleum (BP). Der Konzern sicherte seine Risiken nicht mehr bei der Assekuranz ab. Die Begründung: Die eigene Bilanz sei sehr viel größer als die der meisten Versicherer. Und wenn es wirklich zu einer Megakatastrophe komme, müsse BP sogar um die finanzielle Standfestigkeit der Versicherer fürchten. Dann wolle man doch lieber die Risiken in den eigenen Büchern lassen und bei hauseigenen Gesellschaften dafür ansparen, so spare man auch noch die nicht gerade kleinen Vertriebs- und Verwaltungskosten des Versicherers.

Zahlreiche Konzerne sind BP inzwischen gefolgt und umgehen die Assekuranz. Der Vulkanausbruch auf Island könnte nun abermals eine Welle von Versicherungsaustritten auslösen. Denn wieder einmal wird deutlich, wo der teure Schutz durch die private Versicherungswirtschaft endet.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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