Hinderinsse auf dem Weg zur Staatshilfe

Für viele Firmen könnten die Programme der Bundesregierung die letzte Rettungsein. Doch der Beistand ist nicht für alle Bedürftigen leicht zu erreichen

VON Patrick Hagen

und Friederike Krieger

Eigentlich sollte der Auftrag die Rettung sein: Die Werftengruppe Nordic Yards soll für 100 Mio.Euro einen eisbrechenden Tanker für eine russische Reederei bauen. Seit mehr als einem Jahr hatten die Schiffbauer in Wismar und Warnemünde keinen Auftrag mehr für einen Neubau erhalten, die Vorgängergesellschaft Wadan Yards musste 2009 Insolvenz anmelden.

Doch trotz des Auftrags ist die Zukunft der Werften ungewiss, denn es gibt noch keine Finanzierung. Der deutsche Schiffbau gilt als Auslaufmodell, Bankkredite sind kaum zu bekommen. Dabei stünde sogar schon eine Bürgschaft von Bund und Landesregierung bereit, die den Banken 90 Prozent des Kreditrisikos abnehmen würde. Dennoch hat sich bislang kein Institut gefunden, das den Bau finanzieren möchte.

Das Beispiel Nordic Yards ist kein Einzelfall: Die Regierung hat zwar umfangreiche Maßnahmenpakete aufgelegt, um Unternehmen durch die Krise zu helfen. Doch das Geld kommt längst nicht überall dort an, wo Bedarf bestünde. Die staatseigene KfW Bankengruppe stellt mit ihrem Förderprogramm insgesamt 40 Mrd.Euro zur Verfügung. Bis zum 2. April verzeichnete sie 4678 Anträge in Höhe von 17,5 Mrd.Euro. Bewilligt wurden 3085 Anträge mit einem Volumen von 6,7 Mrd.Euro, davon ging rund die Hälfte an Großunternehmen, die andere Hälfte an Mittelständler. Dazu kommen Bürgschaften, die von den Ländern oder dem Bund bereit gestellt werden.

Die Probleme fangen für die Unternehmen schon bei der Antragstellung an. Sie können Kredite nicht direkt bei der KfW beantragen, sondern müssen sich erst an ihre Hausbank wenden, die dann bei der KfW einen Antrag stellen kann. Dafür müssen Unternehmen zwei Voraussetzungen erfüllen. Sie dürfen nicht schon vor dem 1. Juli 2008 in Schwierigkeiten gewesen sein, und sie müssen positive Zukunftsaussichten vorweisen können.

Unternehmerverbände machen vor allem die Banken und Sparkassen dafür verantwortlich, dass die Hilfe nicht zu den bedürftigen Firmen durchdringt. Michael Schäfer, Experte für öffentliche Finanzierungen bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, hat jedoch Verständnis dafür, dass die Banken wenig Interesse an der Vergabe der KfW-Kredite haben. „Sie tragen zwar nur eine begrenzte Haftung, bekommen aber auch nur eine relativ geringe Marge und haben großen Aufwand bei der Bearbeitung“, sagt Schäfer. Der einzige Anreiz, die KfW-Kredite weiterzuleiten, wäre mangelnde Liquidität, aber das ist zurzeit nicht das Problem der Banken.

Dass viele Banker sich mit dem KfW-Sonderprogramm nicht so recht anfreunden können, bestätigt ein Sparkassen-Manager, der anonym bleiben möchte. Schuld sei allerdings die KfW, die extrem bürokratisch agiere. „Wenn es sich vermeiden lässt, vermitteln wir keine Kredite aus dem KfW-Sonderprogramm mehr“, sagt er. Bei den herkömmlichen Firmenkrediten wie dem KfW-Mittelstandskredit, bei denen die Hausbank das Ausfallrisiko trägt, seien die Anträge schnell genehmigt. Das dauere meist nicht länger als 24 Stunden, erklärt der Manager. „Beim Sonderprogramm zeigt die KfW ein völlig anderes Gesicht.“ Um Darlehensausfälle zu vermeiden, verlange das Kreditinstitut exorbitant viele Nachweise von den Firmen.

Er erinnert sich an einen Fall, in dem ein Opel-Zulieferer über die Sparkasse einen KfW-Kredit in der Größenordnung zwischen 200 000 und 300 000Euro beantragen wollte. Die KfW habe lange gezögert und schließlich ein Gutachten zur Sanierungsfähigkeit des Unternehmens nach dem strengsten Standard verlangt. „Das geht nicht unter 120 Seiten. So etwas kann man einem Mittelständler nicht aufbürden“, kritisiert der Manager. Die Sparkasse hat den Kredit am Ende in die eigenen Bücher genommen – obwohl zu der Zeit noch unklar war, was aus Opel wird.

Die KfW wehrt sich: Die Bearbeitungszeit für Anträge von Mittelständlern liege nur bei zehn bis zwölf Bankarbeitstagen, sagt ein Sprecher. „Vorausgesetzt, die nötigen Unterlagen liegen vollständig vor.“ Wegen der Probleme bei den KfW-Krediten empfehlen viele Finanzierungsexperten eine andere Krisenhilfe der Regierung: In vielen Fällen verspricht ein Antrag auf eine Bürgschaft mehr Erfolg, sagt Freshfields-Anwalt Schäfer. Als Teil der Konjunkturprogramme hat die Bundesregierung auch ein Bürgschaftsprogramm von 75 Mrd. Euro aufgelegt. Daneben bieten auch die Bundesländer Bürgschaften. Anders als die Kredite der KfW sichern die Bürgschaften einen normalen Bankkredit ab. „Das heißt, die Banken verdienen ihre normale Marge“, sagt Schäfer. Der Antragsweg ist allerdings ähnlich und geht wieder nur über die Hausbanken. Mit einer solchen Bürgschaft wurde vergangenes Jahr unter anderem die Hamburger Containerreederei Hapag-Lloyd gerettet.

Der Vorteil: Bürgschaften sind ein bewährtes Instrument, deswegen können Sparkassen und Banken besser damit umgehen, sagt Sascha Haghani, Finanzierungsexperte beim Beratungsunternehmen Roland Berger. Die Erfolgsaussichten seien gut. „Wenn man sich gut vorbereitet, ist die Trefferquote hoch.“

Allerdings ist der Antrag auch mit einem höheren Aufwand verbunden. „Es reicht nicht, nur den Jahresabschluss einzureichen“, sagt Haghani: „Der Dokumentationsumfang ist erheblich und wird von den Unternehmen häufig unterschätzt.“ Deshalb gibt es oft Rückfragen, was den ganzen Prozess verlängert. Dazu kommt, dass Unternehmen, die eine Bürgschaft in Anspruch nehmen wollen, Eigenbeiträge leisten müssen. „Eine Bürgschaft ist in der Regel mit erheblichen Auflagen verbunden“, sagt Berater Haghani. Wenn das Unternehmen keine Sicherheiten mehr abtreten kann, wird oft eine Kapitalspritze der Eigentümer verlangt.

Welche Art der Staatshilfe für ein Unternehmen in Frage kommt, hängt immer davon ab, wie dringend das Geld benötigt wird, sagt Alexander Sasse, Partner und Vorstand bei Concentro, einem auf mittelständische und eigentümergeführte Unternehmen spezialisierten Berater. Er hat gute Erfahrungen mit regionalen Förderbanken wie der Bayerischen LfA gemacht. „Da geht es auch schneller“, sagt Sasse.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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