Teure Therapien abfedern

Durch die Neuerungen im Gesundheitswesen entsteht für die Anbieter vonRückdeckungen ein ganz neuer Markt. Krankenkassen und Ärzte müssen sich gegen zuhohe Belastungen wappnen, damit sie nicht pleitegehen

VON Ilse Schlingensiepen

Die Gemeinsame Betriebskrankenkasse Köln (GBK) hat auf drastische Weise zu spüren bekommen, wie sehr sich die Welt für gesetzliche Krankenkassen seit dem 1. Januar 2009 verändert hat. Zwei ihrer Versicherten litten an einer komplizierten Form der Bluterkrankheit. Das hat die kleine Kasse in Finanznot gebracht. Um solche Probleme künftig zu vermeiden, wird für Krankenkassen der Kauf von Rückversicherungsdeckungen interessant.

Die Kosten für Versicherte mit teuren Krankheiten wurden früher über einen Risikopool zwischen den Kassen ausgeglichen, seit Anfang 2009 nicht mehr. Gleichzeitig können auch Kassen insolvent werden. Das zwingt sie dazu, sich nach neuen Lösungen umzuschauen. Dazu gehört Rückversicherungsschutz.

„Wir rechnen mit einer steigenden Nachfrage“, sagt Franz Benstetter, Head of Operational Services bei Munich Health, dem Krankenversicherungszweig der Munich Re. Der Marktführer hat bereits erste Verträge mit Kassen abgeschlossen, weitere zeigen Interesse. „Gerade für kleine und mittelgroße Krankenkassen kann die Abfederung von Spitzenrisiken überlebenswichtig werden“, sagt Benstetter. Munich Re und andere haben mit der Risikobewertung und der Absicherung von Großschäden im Gesundheitswesen Erfahrung – aus dem Ausland und aus Deckungskonzepten für private Krankenversicherer hierzulande.

Die Standardkonzepte der Rückversicherer passen in diesem Feld nur selten, weiß Joachim Weihe. Er leitet die Kranken- und Lebensrückversicherung bei Aon Benfield, dem Rückversicherungsarm von Aon Jauch & Hübener. „Die klassische Rückversicherung ist eine Jahresdeckung“, sagt er. Die nützt dem Krankenversicherer wenig, wenn er einen Versicherten mit einer teuren chronischen Krankheit im Bestand hat. Tritt der Schaden auf, verlangt der Rückversicherer für die folgenden Jahre deutlich höhere Prämien oder verlängert den Vertrag nicht.

Wegen der kurzen Vertragslaufzeiten und der hohen Preisvorstellungen der Rückversicherer haben die Betriebskrankenkassen (BKK) in Nordrhein-Westfalen auf den Kauf einer Rückversicherung für Großschäden erst einmal verzichtet, berichtet Jörg Hoffmann vom BKK-Landesverband Nordwest. „Wir setzen weiter auf eine interne Lösung“, sagt Hoffmann. Das heißt, die Spitzenrisiken werden zwischen den Verbandsmitgliedern ausgeglichen.

„Wir arbeiten mit mehreren Rückversicherern an Lösungen für diese Probleme“, berichtet Makler Weihe. Ein Konzept, das sowohl den Interessen des Kranken- als auch des Rückversicherers gerecht wird und zudem bezahlbar ist, sei schwer zu finden.

Auch für die Wahltarife, die gesetzliche Kassen ihren Versicherten seit einigen Jahren anbieten können, kaufen einige Rückversicherungsschutz. Die Angebote müssen sich selbst tragen, dürfen also nicht mit den allgemeinen Beitragseinnahmen quersubventioniert werden. „Wir haben Rückdeckungen, um in den Tarifen finanzielle Ausschläge abzufedern“, sagt Wilfried Jacobs. Er ist Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland/Hamburg. Sie hat bei Munich Re zwei Deckungen gekauft: für Wahltarife für Auslandsreisen und für die Unterbringung im Zweibettzimmer im Krankenhaus. „Bisher mussten wir die Deckung nicht in Anspruch nehmen“, sagt Jacobs.

Die Rolle, die Rückversicherer im Gesundheitswesen spielen können, wird vielfach noch unterschätzt, sagt Munich-Re-Mann Benstetter. „Für viele Herausforderungen bei der Finanzierung und bei Veränderungen in der Versorgungslandschaft gibt es Rückversicherungslösungen.“

Er verweist auf die großen Versorgungsnetze, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Kliniken und andere Gesundheitsdienstleister einer Region zusammenarbeiten. Zum Teil übernehmen diese Netze die finanzielle Verantwortung für die Versorgung der Versicherten einer Kasse oder mehrerer Kassen oder für alle Patienten mit einem bestimmten Krankheitsbild. Gegen die finanziellen Folgen von Ereignissen wie einer Epidemie oder einer Häufung teurer schwerer Krankheitsfälle müssen sich die Netze dann absichern, sonst stoßen sie schnell an ihre Grenzen.

„Eine Rückversicherung kann dazu verwendet werden, die Kosten von Ausreißern ab einer bestimmten Grenze zu kappen und so das Risiko für das Ärztenetz zu verringern“, sagt Helmut Hildebrandt, Geschäftsführer des Netzes Gesundes Kinzigtal. Nicht nur bei Blutern, sondern auch bei Patienten, die eine Organtransplantation benötigen oder beatmet werden, kostet die Behandlung schnell Zehntausende Euro.

Das Netz Gesundes Kinzigtal im Schwarzwald versorgt 31 000 Versicherte der AOK und der Landwirtschaftlichen Krankenkasse. Sinn mache sowohl die Kappung der Kosten über einem Schwellenwert je Versichertem als auch die Festlegung einer Summe für das komplette Netz, sagt Hildebrandt. „Das Beste scheint eine Mischung von unterschiedlichen Formen zu sein.“

Bisher arbeitet das Netz zum Ausgleich der Spitzenrisiken mit einer internen Lösung zwischen den Netzteilnehmern und den Kassen. Ein Grund dafür ist der hohe Preis der klassischen Rückversicherung. „Aktuell prüfen wir aber gerade wieder, welche Lösung für uns sich am ehesten anbietet und welchen Kosten-Nutzen sie liefert“, sagt Hildebrandt.

Für die Branche entsteht ein neues Geschäftsfeld. „Die Rückversicherung von Versorgungsnetzen ist ein Markt mit Zukunft“, prophezeit Benstetter von Munich Health. Er werde umso wichtiger, je pauschalierter die Vergütung der Netzteilnehmer ist. Zum Teil zahlen die Kassen sogenannte Kopfpauschalen. Diese berechnen sich nach den zu erwartenden Behandlungskosten und werden unabhängig vom tatsächlichen Schadenverlauf gezahlt.

„Wir können zum einen helfen, die Risiken transparenter zu machen, zum anderen können wir die Spitzen übernehmen“, erläutert Benstetter. Der Rückversicherer könne in komplexeren Versorgungsstrukturen zu Stabilität und Planungssicherheit beitragen.

Die externe Rückversicherung gibt den Netzen auch eine größere Unabhängigkeit von den Krankenkassen, sagt Weihe von Aon. Diese Unabhängigkeit sei langfristig notwendig, damit sich die neuen Modelle weiterentwickeln und eine größere Bedeutung für die Versorgung der Bevölkerung übernehmen können. Wenn die Krankenkasse selbst die Spitzenrisiken trägt, schwäche das die Verhandlungsposition des Netzes. „Die Rückversicherung im freien Markt schafft Unabhängigkeit und Transparenz“, sagt Weihe.

Der Bereich sei noch ein „ganz zartes Pflänzchen“. Damit es wachsen kann, müssen die Netze nach Einschätzung des Maklers Auswahl zwischen mehreren Anbietern haben. „Hier alles auf eine Karte zu setzen, halte ich für gefährlich.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit