Lloyds-Versicherer müssen bluten

Londoner Syndikate leiden unter „Deepwater Horizon“-Drama und Chile-Erdbeben// Gewinn halbiert

Anja Krüger , Köln

Das Erdbeben in Chile und die Havarie der Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko haben den Gewinn der Akteure am britischen Versicherungsmarkt Lloyd’s of London im ersten Halbjahr 2010 fast halbiert. „Die ersten sechs Monate 2010 waren die bisher teuersten, seit wir mit der Veröffentlichung von Zwischenberichten begonnen haben. Sie stellen nicht nur Lloyd’s, sondern die Versicherer rund um den Globus auf die Probe“, sagte Peter Levene, Chef des Londoner Versicherungsmarkts, gestern bei der Vorlage des Halbjahresberichts.

Für Ansprüche wegen des Erdbebens in Chile im Februar erwartet Lloyd’s nach heutigem Stand Schadenszahlungen von 884 Mio. Pfund (1,03 Mrd. Euro). Das „Deepwater Horizon“-Desaster kostet die Syndikate bis zu 378 Mio. Pfund (441 Mio. Euro). Gelitten hat Lloyd’s auch unter einer Zunahme von Schäden in der Autohaftpflicht in Großbritannien sowie Stürmen in Europa und Australien.

Trotzdem hat der Markt die Einschläge vergleichsweise gut verkraftet. Der kombinierte Vorsteuergewinn aller Marktteilnehmer lag immerhin bei 628 Mio. Pfund (733 Mio. Euro), nach 1,32 Mrd. Pfund im Vergleichzeitraum des Vorjahres. Die Zahlen spiegeln nur die Zahlen der dort tätigen einzelnen Versicherer wider, Lloyd’s selbst ist kein Konzern.

Die Marktteilnehmer schreiben versicherungstechnisch nur noch knapp schwarze Zahlen. Die Schaden-Kosten-Quote, die das Verhältnis von Prämien und Ausgaben zeigt, liegt zwar immer noch unter 100 Prozent. Sie stieg aber von 91,6 Prozent in den ersten sechs Monaten 2009 auf jetzt 98,7 Prozent. Damit machen die Lloyd’s-Versicherer ohne Einnahmen aus Kapitalerträgen pro eingenommenem Prämien-Pfund 1,3 Pence Gewinn. Ihre Kapitalerträge gingen von 708 Mio. auf 597 Mio. Pfund zurück.

Neben zunehmenden Schäden und den rückläufigen Kapitalerträgen macht den Londoner Lloyd’s-Unternehmen der anhaltende Preiskampf innerhalb der Assekuranz zu schaffen. Seit Jahren beschwören die Marktteilnehmer bislang vergeblich die Trendwende hin zu höheren Preisen. „Im Moment sehen wir keine Anzeichen dafür, dass sich die Preise im Allgemeinen erhöhen werden“, sagte Lloyd’s-Manager Luke Savage der Nachrichtenagentur Reuters.

Lloyd’s of London ist kein Versicherungsunternehmen. Es handelt sich um einen Versicherungsmarkt, der vor mehr als 300 Jahren im Londoner Café von Edward Lloyd entstand. Damals wetteten Geschäftsleute auf die Rückkehr von Schiffen und begründeten so die moderne Schiffsversicherung.

Die Versicherung wird heute von 85 Syndikaten betrieben. Früher bestanden sie aus reichen Privatpersonen, jetzt meistens aus Versicherern, Rückversicherern und Investoren. Auch der weltgrößte Rückversicherer Munich Re ist dort vertreten: Ihm gehört Syndikat 457, das Watkins Syndicate. Viele Syndikate sind auf die Deckung von Flugzeug- oder Schiffsrisiken, besonders kostbare Fußballerbeine und andere Nischen spezialisiert.

Für Versicherer und Rückversicherer hat die Beteiligung an einem Syndikat oder dessen Übernahme mehrere Vorteile. So werden viele Sonderrisiken vor allem im Londoner Markt und dort in erster Linie bei Lloyd’s platziert – das bringt hohe Prämien. Zudem ist Lloyd’s in fast allen Märkten der Welt und auch in den einzelnen Bundesstaaten der USA zugelassen. Deshalb können auch Versicherer mit relativ kleinem Geschäftsvolumen in diesen Märkten über ihre Syndikate aktiv sein – selbst dort, wo sie keine Zulassung haben und sie sich aus Kostengründen auch kaum lohnen würde.

Die Firmen, die die Syndikate tragen, spüren naturgemäß den Druck bei den Gewinnen – egal ob es sich um Lloyd’s-Spezialisten wie Amlin, Catlin, Hiscox und Lancashire handelt oder Munich Re. Für die frühere Münchener Rück ist das Watkins Syndicate nur ein kleiner Geschäftszweig.

Ein Grund für den Gewinnrückgang ist die erhebliche Zunahme wetterbedingter Katastrophen. Nach Zahlen der Munich Re mussten Versicherer weltweit in den ersten neun Monaten dafür 18 Mrd. Dollar aufbringen, der gesamtwirtschaftliche Schaden belief sich auf 65 Mrd. Dollar. Das aktuelle Kalenderjahr ist das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 130 Jahren. Die Erderwärmung begünstigt die Entstehung von Hurrikans, die die Assekuranz wegen der damit verbundenen Schäden fürchtet. In diesem Jahr ist die Hurrikan-Saison bislang relativ ruhig verlaufen, allerdings ist sie noch nicht zu Ende.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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