Der Zorn des Krawattenmanns

Der oberste Sprecher von 10 000 Vertretern der Allianz geigt derKonzernspitze die Meinung. Den Umbau des Versicherers hält er für eineKatastrophe. Nicht nur er allein

Herbert Fromme , Köln

Markus Dumsch nahm kein Blatt vor den Mund,

als er vor der versammelten Führungsspitze der Allianz Deutschland über die immer neuen, immer schwerer nachvollziehbaren Preiserhöhungen sprach: „Die Todesspirale dreht sich immer schneller“, wütete er. Kunden mit wenigen Schäden kehrten der Allianz zunehmend den Rücken.

Dumsch ist nicht irgendwer. Das Wort des obersten Sprechers der einflussreichen Interessengemeinschaft der Vertretervereinigungen mit 10 000 Mitgliedern hat beim größten Versicherer Deutschlands Gewicht. „Wir verlieren überwiegend gute Risiken“, zeterte Dumsch. Die Vertreter verlören so „noch mehr Bestand, sodass weiterer Kostendruck entsteht“. Langjährige Verbindungen flögen den Kollegen derzeit um die Ohren. „Bei unseren Kunden ist das Maß übervoll“, sagte Dumsch laut einer Mitschrift, die der FTD vorliegt.

Das war Ende Oktober. Fünf Jahre nach Beginn des Großumbaus verliert die Allianz nicht nur Kunden – auch der Klub der stets adrett gedressten Krawattenmänner meutert. Immer noch werteten die Vertriebler die Reform, die 5000 Jobs kostete, „unisono als schweren Managementfehler“. Verbesserungen seien „nach wie vor nicht wirklich auszumachen“. Das saß. Die Konzernbosse schwiegen betreten.

Nicht so Markus Rieß, seit Mitte 2010 Deutschlandchef. „Ich hatte Herrn Dumsch gebeten, einen provozierenden Vortrag zu halten“, sagte Rieß am Donnerstag. Der habe „das Stilmittel der Überzeichnung“ benutzt. Die Allianz habe kein Problem: Bei den Punkten, bei denen Dumsch recht habe, habe sich bereits viel geändert. Rieß konnte es nur recht sein, dass die Managementspitze Zeuge des Zornausbruchs wurde. Er muss Korrekturen am Umbau vornehmen, darf dabei aber nicht den Eindruck erwecken, er wende sich gegen Konzernchef Michael Diekmann, der die Reform einleitete, oder Gerhard Rupprecht, seinen Vorgänger. Dumsch selbst sagte auf Anfrage, er sehe Allianz und Vertreter inzwischen „auf einem sehr guten Weg“. Was ein offenes Wort zur rechten Zeit bewirken kann.

Allianz will Marktführer bleiben18

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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