Autoversicherer provozieren Industrie

Assekuranz verlangt mitten im Jahr Preisanpassungen // Druck durch schlechteZahlen und Urteile

Herbert Fromme , Köln

Mindestens vier Autoversicherer versuchen derzeit mit rabiaten Methoden, bei Kunden aus der Industrie während der Laufzeit ihrer Jahresverträge Preiserhöhungen durchzusetzen. Nach Informationen der FTD aus Makler- und Kundenkreisen verlangen die Gesellschaften bei Unternehmen mit Fahrzeugflotten mit Hunderten oder Tausenden von Pkw, Lieferwagen oder Lkw sofortige Zuschläge.

Lehnen die Kunden das mit Verweis auf den gültigen Jahresvertrag ab, drohen die Versicherer: Sie wollen trotz laufender Flottenvereinbarung jedes einzelne Fahrzeug, das einen Schaden hat, individuell kündigen. Alle Versicherer und Kunden haben laut Gesetz nach einem Schaden ein Sonderkündigungsrecht.

Damit reagieren Versicherer auf wachsende Verluste aus der Autoversicherung, die bei Flotten besonders hoch sind. Seit 2004 liefert sich die Branche einen Preiskrieg, den damals die Allianz anzettelte. Nach sieben Jahren sinkender Preise verdienen nur noch wenige Gesellschaften Geld in der Sparte. Bei 20,2 Mrd. Euro Prämien gaben die Autoversicherer 2010 21,6 Mrd. Euro für Schäden und Kosten aus – und dabei sind schon aufgelöste Schadenreserven eingerechnet.

Mittlerweile sind die Reserven so reduziert, dass nicht mehr viel aufgelöst werden kann. Die Niedrigzinsen sorgen dafür, dass auch die Kapitalerträge weniger Ausgleich liefern. Aufsichtsräte und Eigner drängen, das Problem zu lösen.

„Man kann ja verstehen, dass die Gesellschaften unter dem Druck schlechter Ergebnisse stehen“, sagte Robert von Bennigsen, einer der beiden Chefs des Maklers BDJ Burmester, Duncker & Joly in Hamburg. „Aber dieses Vorgehen ist unverantwortlich, weil es die Stabilität von Vereinbarungen infrage stellt.“ Bei seinem Unternehmen sind mehrere Kunden mit Hunderten von Fahrzeugen betroffen.

Bekannt ist das aggressive Vorgehen von Axa, Basler, SV Sparkassenversicherung Stuttgart und SV Sachsen. Andere Versicherer beobachten das Vorpreschen der vier und wollen erst später Entscheidungen treffen.

Eine Sprecherin der SV Sparkassenversicherung in Stuttgart bestätigte die Vorgänge. „Das ist normalerweise nicht unser Vorgehen, wir lösen Geschäftsverbindungen eigentlich nur zur Hauptfälligkeit“, sagte sie. Damit ist das jährliche Auslaufdatum der Policen gemeint. „Aber in einigen Fällen mussten wir auf eine katastrophale Schadenentwicklung reagieren.“ Mit der Hälfte der so angesprochenen Unternehmen habe man sich geeinigt, sagte sie weiter.

Eine Axa-Sprecherin erklärte, das Unternehmen führe regelmäßig Gespräche mit Kunden und Vermittlern, um Verträge mit anhaltend negativen Schadenverläufen auf eine neue Beitragsgrundlage zu stellen oder – sollte dies nicht möglich sein – zu lösen.

„Wir sehen, dass Preiserhöhungen von 20 Prozent bis 25 Prozent verlangt werden“, sagte ein Experte eines anderen Hamburger Maklerhauses, der nicht genannt werden wollte. Er sieht neben den schlechten Zahlen der Branche in der Kfz-Versicherung einen weiteren Grund für die harte Haltung von Versicherern. Gesellschaften, die viele Lkw-Anhänger und Auflieger versichern, müssen mit hohen Nachforderungen anderer Gesellschaften rechnen. Denn im Oktober 2010 änderte der Bundesgerichtshof die bisherige Rechtslage.

War ein Lkw mit Anhänger an einem Unfall schuldhaft beteiligt, zahlte bislang fast immer der Versicherer des Lkw. Der BGH entschied, dass auch der Versicherer des Hängers einen Teil zahlen muss. Ansprüche aus vergangenen Schäden verjähren erst nach drei Jahren.

Die Branche hofft, dass die Bundesregierung durch eine Gesetzesinitiative den alten Zustand wiederherstellt. Dennoch sind die Lkw-Versicherer erst einmal gezwungen, die Beteiligung an den Altschäden von ihren Anhängerkollegen zu holen. „Wenn ein kleiner Versicherer viele Anhänger abgedeckt hat, kommen jetzt plötzlich hohe Forderungen auf ihn zu, möglicherweise aus Personenschäden“, sagte der Makler.

Das Vorgehen der Versicherer löst bei Kunden große Sorgen aus, jahrzehntelang gepflegte Regeln des Zusammenarbeitens könnten in Gefahr geraten. Erst Mitte Mai hatte der Deutsche Versicherungs-Schutzverband, der die Industrie in Versicherungsfragen berät, vor einer zunehmend restriktiver werdenden Schadenregulierung gewarnt. Auch Makler von Bennigsen ist besorgt. „Ich hoffe nicht, dass diese Entwicklung der Beginn einer grundsätzlichen Entfremdung zwischen Versicherern und Kunden ist“, sagte er. „Wir sehen Anzeichen, dass die Versicherer noch restriktiver in der Schadenbearbeitung werden, dazu kommt jetzt die Nichteinhaltung laufender Verträge in der Autoflottenversicherung.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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