Gefühlte Sicherheit

Mit Lebensversicherungen können Anleger ruhig schlafen, behaupten die Anbieter. Stimmt – solange die Banken durchhalten

Herbert Fromme

Cashlife jubelt. Der Pullacher Aufkäufer von Lebensversicherungen war in den vergangenen Jahren nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden. Doch jetzt werde die Firma von Verkaufsanfragen überhäuft, teilt Vorstand Ingo Weber mit. Allein im Juli hat er Anfragen im Wert von 100 Mio. Euro gezählt. Natürlich sind Anfragen noch keine echten Verkäufe. Doch Weber sieht einen Trend: „Eine steigende Zahl von Kunden möchte sich von einer bestehenden Lebensversicherung trennen, um das Geld besser und sicherer anzulegen.“ Die Versicherer kontern: „Sicherer als eine Lebensversicherung bei der Allianz geht es nicht“, sagt Maximilian Zimmerer, Chef der Allianz Leben.

Angesichts der Finanzkrise wird die Frage, ob die Gesellschaften sicher sind, im Vertrieb immer wichtiger. Müssen Anleger Szenarien wie in Japan fürchten, wo in den 90er-Jahren sieben Lebensversicherer wegen der langen Niedrigzinsphase aufgeben mussten?

Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung. Die deutsche Assekuranz ist in Griechenland, dem schwersten Fall unter den EU-Patienten, nur mit 3 Mrd. Euro engagiert – bei Kapitalanlagen von insgesamt fast 1300 Mrd. Euro von Versicherern und Rückversicherern. Selbst erhebliche Probleme in Italien könnte die Branche verkraften – wenn es nur um ihre direkten Kapitalanlagen ginge. Die Bedrohung kommt aus einer ganz anderen Richtung: Von den 1300 Mrd. Euro Kapitalanlagen liegt fast die Hälfte bei Banken. Zwar ist ein Drittel davon als Pfandbriefe besonders abgesichert. Aber der Rest stünde bei einer Bankenpleite im Feuer. Deutsche Banken gehören zu den Hauptgeldgebern südeuropäischer Regierungen.

Für die Versicherer spricht, dass sie hohe Eigenmittel halten. Sie können externe Schocks eine ganze Zeit aushalten, haben der jüngste Stresstest der EU-Versicherungsaufsicht Eiopa und andere Tests ergeben. Doch wenn Banken ins Trudeln geraten oder die Zinsen lange so niedrig bleiben, wird das erhebliche Auswirkungen auf die Branche haben. Kommt es hart auf hart, gibt es eine ganze Reihe von Notfallmechanismen. Die BaFin kann zum Beispiel die Garantieverzinsung aussetzen, die Versicherer ihren Kunden versprochen haben.

2001 bis 2003, nach dem Platzen der New-Economy-Blase, kam die Mannheimer Lebensversicherung unter die Räder ihrer zu expansiven Investitionspolitik in Aktien. Um den Bestand der Gesellschaft aufzufangen, gründete die Branche den Notfallversicherer Protektor. Er ist inzwischen auch vom Staat mit der Aufgabe betraut, Bestände notleidender Lebensversicherer zu übernehmen. Bislang ist es bei der Mannheimer geblieben. Protektor funktioniert gut und wird von der Branche nach Marktanteil finanziert. Aber alle Versicherer wissen: Eine kleine Gesellschaft wie die Mannheimer konnte Protektor gut auffangen. Bei einem oder mehreren mittelgroßen Anbietern wäre es schon sehr schwierig, bei einem der top fünf fast unmöglich. Dann müsste, wie bei den Banken, der Staat einspringen – oder einer der Marktführer ein Hilfspaket schnüren.

Dafür gibt es Beispiele. Im August 1929 kollabierte der zweitgrößte deutsche Versicherer, die Frankfurter, zu der auch drei große Lebensversicherer gehörten. Fast wie 2008 die amerikanische AIG ging die Frankfurter 1929 über hochriskante Kreditabsicherungen in die Knie. Allianz und Münchener Rück übernahmen das Unternehmen, Kunden wurden nicht geschädigt.

Das war anders in den beiden großen Krisen der deutschen Lebensversicherer. Während der Geldentwertung, die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzte und 1923 in der Hyperinflation mündete, gehörten ihre Kunden zu den Hauptleidtragenden. 1913 hielten die Lebensversicherer noch Vermögenswerte von 6 Mrd. Goldmark, nach der Inflation 1924 noch 2,5 Prozent davon. Die Kunden waren deutlich ärmer, ihre jahrelangen Beitragszahlungen waren wertlos.

Auch nach 1945 war die Lage der Lebensversicherer katastrophal. Die Werthaltigkeit der Kapitalanlagen war drastisch zusammengeschmolzen, Kriegsanleihen waren wertlos. Die Währungsreform 1948 traf Kunden der Lebensversicherer hart: Die gesetzlichen Renten wurden im Verhältnis eins zu eins von Reichsmark auf Deutsche Mark umgestellt, die Prämienreserven der Lebensversicherungen dagegen zehn zu eins.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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