Sie bewegt sich doch

Kolumne

Herbert Fromme

Folgte man in den vergangenen Jahren den Argumenten mancher Risk-Manager großer Konzerne, waren die Versicherer unbewegliche Policenverwalter – unfähig zu wirklichen Neuerungen. Die Vorwürfe waren und sind nicht ganz unberechtigt. Doch in diesem Jahr werden die Versicherungsexperten der Industrie die Kollegen von der anderen Seite des Marktes weniger heftig schelten können, wenn sie sich in diesen Tagen zum alljährlichen Fachsymposion des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands in München treffen. Die Lobbyorganisation der Industrie in Versicherungsfragen bittet wieder zum Meinungsaustausch.

Plötzlich bewegt sich etwas. Die Allianz versichert ab Januar 2012 auch die Betriebsunterbrechung ohne vorhergehenden Sachschaden. Zuvor waren schon Zurich und wenige andere Anbieter damit auf den Markt gekommen. Die Industrie hatte solche Policen im Gefolge der Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im März 2010 gefordert. Sie hatte zu einer Schließung des Luftraums und der Verknappung an Zulieferteilen bei manchen Unternehmen geführt.

Damit nicht genug. HDI-Gerling Industrie kommt mit einer echten Wetterversicherung auf den Markt, hier ist die Allianz in der Entwicklungsphase. Brauereien oder Bauunternehmen können sich künftig auch ohne Finanzderivate gegen deutliche Abweichungen vom normalen Wettergeschehen absichern.

Also, alles in Ordnung? Nicht ganz. Denn wirklich interessant ist es nun zu sehen, ob die geneigte Kundschaft die Angebote auch annimmt. Da gibt es berechtigte Zweifel. Hauptgrund dürfte der Preis sein. Denn wenn ein Versicherer das Ausfallrisiko ohne vorhergehenden Sachschaden sauber kalkuliert, braucht er für 100 Mio. Euro Deckung rund 3 Mio. Euro bis 4 Mio. Euro Prämie, versichern Assekuranzmanager glaubhaft. Doch die Konzerne hatten eher an 30 000 Euro bis 40 000 Euro gedacht.

Und so kann es sein, dass die neuen Angebote zwar auf dem Markt sind, aber kaum jemand sie kauft. Dann war der Leidensdruck wegen mangelnder Versicherungsprodukte wohl doch nicht so groß, wie es manchmal klang.

Wahrscheinlich läuft es so wie immer in der Branche mit neuen Produkten, ob Umwelthaftung oder D&O. Nach einigen Jahren Erfahrung mit den Policen machen die Versicherer sie billiger und attraktiver. Was dann wirklich gebraucht wird, bleibt. Der Rest verschwindet. Und dann gibt es wieder genug Stoff für gegenseitige Vorwürfe. Wie beruhigend, dass nicht nur die Assekuranz unfähig ist zu tatsächlichen Umwälzungen. Ihre Kunden sind es auch.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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