Euler Hermes droht Industrie

Kreditversicherer will Unternehmen höhere Preise aufzwingen und warnt sonst für Fall einer Rezession vor Rückzug

Herbert Fromme

und Leo Klimm, Paris

Unternehmen müssen sich auf einen harten Kampf um die Preise für Kreditversicherungen einstellen. Der weltgrößte Kreditversicherer Euler Hermes fordert von der Industrie, in den Verträgen für 2012 vergleichsweise hohe Preise hinzunehmen – und das, obwohl die Schadenbelastung im laufenden Jahr sehr niedrig war. „Nur wenn der Topf groß genug ist, können wir Schäden zahlen“, sagte Wilfried Verstraete, Chef von Euler Hermes, der FTD. „Wenn die Preise sinken und die Wirtschaftslage sich im Laufe des Jahres 2012 dreht, dann können wir als Versicherer nur noch mit einer Reduzierung des Risikos reagieren.“ Das wolle man aber unbedingt vermeiden.

Damit droht der Marktführer für den Fall einer Rezession mit einem ähnlichen Szenario wie 2008 – wenn er nicht seine Preisvorstellungen durchsetzt. Vor drei Jahren hatten Kreditversicherer nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Deckungszusagen für Lieferungen an bestimmte Branchen stark reduziert und das mit dem deutlich erhöhten Risiko begründet. Wirtschaftsverbände warfen den Versicherern damals vor, die Kreditklemme so zu verschärfen und setzten sogar ein staatliches Absicherungsprogramm durch – das die Wirtschaft aber kaum nutzte.

Kreditversicherer decken Unternehmen gegen Pleiten von deren Kunden für die Zeit zwischen Lieferung und Zahlung ab – allerdings nie zu 100 Prozent und immer mit einem Selbstbehalt der versicherten Firma im Schadenfall. Dennoch: Jede große Insolvenz und erst recht eine Rezession kosten Kreditversicherer Hunderte von Millionen. Doch in normalen Jahren verdienen sie sehr gut.

Das ist auch derzeit wieder der Fall. In den ersten neun Monaten 2011 verdiente Euler Hermes 276 Mio. Euro, nach 256 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Zudem musste der Versicherer von Jahresanfang bis Ende September nur 66,5 Prozent der Prämien für Schäden, Verwaltungs- und Vertriebskosten aufwenden, verglichen mit 68,7 Prozent im Jahr 2010. Der Schadenaufwand allein betrug sogar nur 42,1 Prozent.

Die Industrie pocht daher auf Preissenkungen – was Verstraete zurückweist: „Die Kunden können nicht verlangen, dass wir wegen des geringen Schadenaufwands 2011 die Preise senken.“ Er sagte: „Wir werden die Deckungen nicht kappen, solange die Voraussetzungen dem entsprechen, was wir in unseren Preisberechnungen angenommen haben.“ Das Unternehmen habe die Situation 2008 genau analysiert. „Wir haben inzwischen auf eine zentrale Risikosteuerung umgestellt“, sagte er. „Zum ersten Mal haben wir Risikopläne für viele Szenarien schon in der Schublade.“ Im Unterschied zu 2008 sei Euler Hermes heute auf Turbulenzen vorbereitet.

„Wir haben großes Vertrauen in unsere eigene Profitabilität im Jahr 2012“, sagte Verstraete. „Doch die allgemeine Wirtschaftslage entwickelt sich unserer Ansicht nach sehr negativ.“ Die Finanzmärkte begnügten sich nicht mehr mit Gipfeltreffen und Verlautbarungen, sie wollten konkrete Aktionen und Ergebnisse sehen.

Besonders skeptisch ist der Kreditversicherer in Krisenzeiten gegenüber Konsumgüterbranchen wie Textilien oder Möbel, weil der Bedarf danach zuerst einbricht. Deckungen für Lieferungen nach Griechenland hat Euler um 30 Prozent abgesenkt.

Forderungen der Industrie nach mehrjährigen Verträgen erfülle Euler Hermes heute schon, so Verstraete. Auch Deckungen, die vom Versicherer nicht gekürzt werden können, sind im Angebot. „Das kostet pro Jahr das Zwei- bis Dreifache einer normalen Jahresdeckung“, sagte Verstraete. Dagegen koste eine Absicherung gegen eine Firmenpleite über ein Kreditderivat, das eine Bank verkauft, oft das Fünffache. Mit dem höheren Preis müsse sich Euler Hermes davor schützen, dass Unternehmen Risiken gezielt beim Versicherer ablüden.

Euler Hermes gehört zu 68 Prozent der Allianz, das Unternehmen ist an der Pariser Börse notiert. Obwohl der Münchner Konzern Euler Hermes mehrheitlich kontrolliert, hat Verstraete gerade den Schulterschluss mit einem wichtigen Rivalen gesucht. In Spanien – nach Deutschland der zweitgrößte Markt für die Kreditversicherung in Europa – und in Lateinamerika tritt Euler Hermes künftig in einem Gemeinschaftsunternehmen mit dem spanischen Versicherer Mapfre an. Mapfre ist ein Konkurrent der Euler-Schwester Allianz Global Corporate & Specialty. „Wir wollen seit Jahren in Lateinamerika wachsen, aber bislang ist das zu wenig gelungen“, so Verstraete. In diesem sehr wichtigen Markt sei Mapfre der beste Partner.

Forderungen der Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P), Euler Hermes solle sein Eigenkapital stärken, lehnte Verstraete ab. „S&P hat noch immer ein sehr konservatives Modell zu den Kapitalanforderungen“, sagte er. „Die Art und Weise, wie sie das kalkulieren, ist nicht sehr differenziert.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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