Zurich verrechnet sich mit Haftpflicht

Schutz für Architekten war zu billig // Versicherer stockt Reserven auf undstellt Geschäft teilweise ein

Herbert Fromme , Köln

Die deutsche Niederlassung des Schweizer Versicherungskonzerns Zurich muss mit schweren Belastungen aus der Haftpflichtversicherung von Architekten, Bauingenieuren und Ärzten fertig werden. Entsprechende Informationen der FTD bestätigte das Unternehmen. Im dritten Quartal 2011 habe Zurich für die deutschen Einheiten die Reserven um 70 Mio. Euro gestärkt, sagte ein Sprecher. „Dabei ging es um die Haftpflichtversicherung insbesondere für Architekten, Ärzte und Krankenhäuser.“ Der vor wenigen Tagen bekannt gewordene Entschluss von Deutschland-Chef Eduard Thometzek, Zurich Ende Dezember zu verlassen, habe aber nichts mit diesen Problemen zu tun, sagte er. „Das war seine persönliche Entscheidung.“

Die Summe für die Aufstockung der Schadenreserve ist beträchtlich. Insgesamt erzielte Zurich 2011 in der Haftpflichtversicherung von Firmenkunden in Deutschland rund 200 Mio. Euro Prämie. Darin sind die Deckungen für Architekten, Bauingenieure, Ärzte und Krankenhäuser enthalten, dürften aber den kleineren Teil der Gesamtsumme ausmachen. Die Sonderbelastung von 70 Mio. Euro wird die Sparte 2011 tief in die roten Zahlen reißen. Nach Berechnungen der Züricher Zentrale waren die Reserven der deutschen Konzernteile für Haftpflichtschäden deutlich zu klein. Offenbar hatte Zurich jahrelang Deckung zu viel zu niedrigen Preisen verkauft. Das Ergebnis wurde dann durch zu geringe Zuführungen zu den Schadenreserven geschönt. Das führte jetzt zu dem Verlust.

Die Berufshaftpflicht gilt als Königsdisziplin in der Industrie- und Gewerbeversicherung. Einerseits spült sie Unternehmen viel Geld ins Haus, das langfristig angelegt werden kann und Zinsen bringt. Das Geschäft kann äußerst margenstark sein. Andererseits kommen Schäden erst nach und nach. Spätschäden können sogar noch nach Jahrzehnten die Gewinne früherer Jahre auslöschen – wenn sich zum Beispiel schwere Baumängel zeigen oder Behinderte im Erwachsenenalter Gynäkologen wegen Kunstfehlern bei ihrer Geburt verklagen.

Zurich hatte jahrzehntelang einen hohen Marktanteil in der Absicherung von Architekten und Bauingenieuren, vor allem über den Spezialmakler Unit. Er war gut vernetzt bei Verbänden und Kammern und vermittelte das über Gruppenverträge akquirierte Geschäft an Zurich. Als Unit 2006 vom Großmakler Aon übernommen wurde, änderte sich nichts. Zurich übernahm die Risiken zu Bedingungen, die weitgehend vom Makler vorgegeben wurden.

Nach Marktschätzungen lagen die Tarife um mindestens 30 Prozent unter dem, was eigentlich nötig gewesen wäre, um Schadenaufwand und Kosten zu decken. Die Architekten und Ingenieure waren froh – denn billig ist die Versicherung ohnehin nicht. Selbst kleine Selbstständige mit 30 000 Euro Umsatz müssen oft mehr als 2000 Euro zahlen.

Jetzt hat die Zentrale von Zurich die Notbremse gezogen. Der Versicherer nimmt in der Sparte kein Neugeschäft mehr über Makler an und hat die Preise für weiterbestehende Verträge drastisch erhöht, in Einzelfällen um bis zu 300 Prozent. „Wenn eine Gesellschaft über das Ziel hinausschießt, verhandeln wir mit anderen Versicherern Paketlösungen“, sagte Aon-Unit-Geschäftsführer Bernd Mikosch. Der Makler hat viele Verträge alternativ bei der Hannoveraner Gesellschaft VHV untergebracht, zu deren Spezialitäten das Bauwesen gehört.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit