Nichts als geborgte Zeit

Kolumne

Herbert Fromme

Gleich zwei gute Nachrichten ereilten leidgeprüfte Versicherungsmanager in den vergangenen Wochen. Die EU wird höchstwahrscheinlich nicht rechtzeitig mit den abschließenden Beratungen zum neuen Aufsichtsregime Solvency II fertig. Brüssel muss die größte je gesehene Reform der Aufsichts- und Kapitalregeln für Versicherer wohl verschieben.

Kleine und mittelgroße Versicherer, die ohnehin nicht viel von dem Jahrhundertwerk hielten, sehen sich bestätigt und erwarten, dass Solvency II jetzt grundlegend vereinfacht wird. Mancher hofft, dass die Verzögerung das neue System aus der Bahn wirft und dass es gar nicht eingeführt wird.

Die zweite gute Nachricht für leidgeprüfte Managerseelen: In der Lebensversicherung gegen laufenden Beitrag, in der die Branche jahrelang schwächelte, haben die meisten Versicherer im vierten Quartal deutlich zugelegt. Die Rückkehr zu „normalen“ Zeiten im Neugeschäft scheint nahe.

Leider muss ich etwas Wasser in den Wein gießen. Denn normal ist nichts an der gegenwärtigen Situation der Branche, und das wird es auch nicht so schnell. Sollte Solvency II tatsächlich verschoben werden, wird das kaum positive Auswirkungen für die einzelnen Gesellschaften haben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der eine oder andere Versicherer in den kommenden Monaten in große Schwierigkeiten gerät. In der Folge würden die Solvency-II-Regeln eher weiter verschärft als erleichtert.

Die ersten Beispiele für notleidende, krisengebeutelte Assekuranzunternehmen gibt es schon. Groupama in Frankreich musste sich durch den waghalsigen Verkauf zahlreicher Beteiligungen retten. La Fondiaria in Italien sah sich wegen der akuten Finanzschwäche und den schlechten Ratings gezwungen, einer Fusion zuzustimmen, bei der die Besitzerfamilie weitgehend enteignet wird. Fondiaria ist immerhin der zweitgrößte Autoversicherer Italiens.

Auch die Nachricht vom erneuten Kundenzustrom zur Lebensversicherung ist wohl kein Grund für Jubel. Die Unternehmen müssen sich fragen, ob sie mit den neuen Kunden in der klassischen Lebensversicherung noch Geld verdienen – oder ob das Neugeschäft vor allem dazu dient, die Vertriebe zufriedenzustellen.

Die Ratingagentur Assekurata hat ausgerechnet, dass mit dem höchstens erlaubten Garantiezins von 1,75 Prozent auf den Sparanteil des Beitrags kaum eine Gesellschaft eine klassische zwölfjährige Riesterpolice auf die Beine stellen kann. Bei Riester ist der garantierte Erhalt des Beitrags vorgeschrieben – den erzielt ein Versicherer aber bei heutigen Kostensätzen in den zwölf Jahren nicht. Die Niedrigzinsen fressen sich immer weiter in das Kerngeschäft. Da nützen muntere Vorhersagen mancher Gesellschaften nichts, sie könnten diese Zinsen zehn oder 20 Jahre aushalten. Der Anlagenotstand der Branche ist mit den Händen zu greifen.

„Weiter so“ geht also nicht – auch nicht in der Lebensversicherung. Fast alle Gesellschaften brauchen neue Antworten. Nur die Allianz braucht keine. Denn der Marktführer hat sich von seinen Kunden im Januar kräftig auf die Schulter klopfen lassen. Er veröffentlichte das Ergebnis einer Kundenumfrage: 95 Prozent seien mit ihren Erlebnissen bei der Allianz zufrieden. Schulnoten von 1,4 für Kompetenz bis 2,3 für Service gaben die Versicherten dem Konzern.

Angesichts der auf der Hand liegenden Reputationsprobleme der Branche, auch der Allianz, weiß man nicht, worüber man sich mehr wundern soll: Darüber, dass eine Gesellschaft solche Umfragen in Auftrag gibt, oder darüber, dass sie die Ergebnisse dann stolz veröffentlicht und offenbar auch selbst glaubt.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit