Versicherer ätzen gegen Glasfirmen

Die Anbieter von Kfz-Policen machen die Betriebe für steigende Kaskoschädenverantwortlich

Herbert Fromme und Anne-Christin Gröger, Köln

Die deutschen Autoversicherer müssen immer mehr Schäden für Glasreparaturen zahlen, die ihrer Ansicht nach zum großen Teil unnötig sind. „Inzwischen sind 75 Prozent aller gemeldeten Kaskoschäden Glasschäden, dazu tragen sicherlich auch Glasfirmen mit ihrer massiven Werbung bei“, sagte Norbert Rollinger, Vorsitzender des Hauptausschusses Schaden/Unfall beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), im FTD-Gespräch. Rollinger ist auch Vorstand beim Wiesbadener Versicherer R+V. Nach Angaben des Verbands haben die Kfz-Versicherer 2010 rund 2,6 Millionen Glasbruchschäden reguliert. Insgesamt lag die Zahl der regulierten Schäden im Pkw-Kaskobereich in diesem Zeitraum bei 3,5 Millionen.

Die Autoversicherung ist für die Assekuranz enorm wichtig. Mit 21 Mrd. Euro Prämienvolumen ist sie die größte Sparte in der Schadenversicherung und hart umkämpft. Sie gilt als Einstiegsversicherung für weiter gehende Kundenverbindungen. Dazu kommt, dass die Kfz-Versicherung viel Geld in die Kassen der Unternehmen spült, von dem ein großer Teil als Schadenreserve langfristig im Haus bleibt und verzinst angelegt wird.

Die Glasschäden ärgern die Branche daher, vor allem, weil sich die Autoversicherung laut Rollinger generell verbessert: „Wir hatten 2011 einen durchschnittlichen Prämienanstieg von 3,5 Prozent und erwarten für 2012 ein Wachstum von knapp fünf Prozent.“ Damit hätten die Anbieter die Trendwende geschafft. Für Marktgrößen wie Allianz, HUK-Coburg oder Zurich ist die Autoversicherung die Sparte, die über ihre Profitabilität in den kommenden Jahren entscheidet.

Rollinger nannte bei seiner Kritik keine Namen, zielte aber eindeutig auf überregionale Ketten wie Carglass oder Junited Autoglas. Die Glasfirmen machten Kunden systematisch Angst, damit sie bei jeder Kleinigkeit zur Reparatur fahren, auch wenn sie gar nicht nötig seien. „Hier schafft sich ein Teil der Branche seine eigene Nachfrage zulasten der Versicherer“, sagte er. Auf Dauer sei diese Situation für die Assekuranz nicht hinnehmbar. „Wenn die Entwicklung andauert, können Versicherer das an ihre Kunden weitergeben, was sich natürlich letztlich in der Prämie zeigen würde.“

Ganz unschuldig sind die Kfz-Versicherer an der Entwicklung jedoch nicht. Sie hatten jahrelang Kunden mit einer kostenlosen Reparatur von Glasschäden in die Kaskoversicherung gelockt und Schäden ohne zu zögern reguliert. Heute rächt sich das. Die Versicherer suchen dringend nach Wegen, um dem Problem der steigenden Kosten entgegenzuwirken.

„In der Kfz-Direktversicherung der R+V muss der Kunde im Falle eines Glasschadens grundsätzlich immer vorab mit uns die Auswahl der Werkstatt klären“, sagte Rollinger. Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, mit Glasfirmen zu kooperieren, die Kunden weniger stark zur Reparatur drängten. „Da gibt es glücklicherweise viel Wettbewerb im Markt.“

Die Glasfirmen können die Kritik nicht verstehen. „Bislang lag es immer im Interesse der Versicherer, Steinschläge früh und preisgünstig zu reparieren, bevor eine Scheibe komplett ausgetauscht werden muss“, sagte ein Carglass-Sprecher. „Durch die frühe Reparatur sparen die Versicherer Kosten für teure Folgeunfälle.“

Die Autoversicherer kämpfen mit stetig sinkenden Preisen. Hintergrund ist der scharfe Wettbewerb. Nun leiden aber die einst lukrativen Kapitalanlagen unter den niedrigen Zinsen. Deshalb steigt der Druck, die Prämien zu erhöhen. In den vergangenen fünf Jahren sind regelmäßigen Ankündigungen der Anbieter, die Preise erhöhen zu wollen, keine durchschlagenden Taten gefolgt. Zum Jahresende fand sich immer noch der ein oder andere, der bei Bedingungen oder Prämien nachgab. Das sei jetzt vorbei, so Rollinger: „Die Mehrheit der Versicherer wählt ihre Risiken deutlich selektiver aus als zuvor.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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