Zoff unter Risikomanagern

Heiße Debatte: Wo sollte die Einkaufsabteilung im Konzern strategischaufgehängt sein?

Anne-Christin Gröger

Anne-Christin Gröger

Eigentlich ist Olaf Köhler froh, wie der Umbau in seinem Unternehmen gelaufen ist. Bis vor einem Jahr war er noch als Versicherungseinkäufer für den firmeneigenen Makler seines Arbeitgebers Österreichische Bundesbahn (ÖBB) tätig. Heute kauft er immer noch Versicherungen ein, allerdings hat die ÖBB seine Abteilung in den allgemeinen Einkauf integriert. Den firmeneigenen Makler hat die Gesellschaft aufgelöst. Was viele Risikomanager als eine Abwertung ihres Berufsstands empfinden würden, hat Köhler die Arbeit um vieles erleichtert, ist er überzeugt. „Früher hat uns das Unternehmen mit Honoraren abhängig von der Höhe der Versicherungsprämie vergütet“, sagt er. Der Vorstand sei damit nicht zurechtgekommen. „Wir hatten ständig Diskussionen darüber, ob ein bestimmter ausgegebener Geldbetrag gerechtfertigt sei oder nicht. Das war äußerst anstrengend.“ Jetzt arbeiten Köhler und sein Kollege Peter Werner Kunz in der allgemeinen Einkaufsabteilung – und die Diskussionen haben ein Ende. „Wir erhalten jetzt wie alle anderen Abteilungen auch eine pauschale Summe pro Monat“, sagt Köhler. „Das ist absolut ausreichend.“

Abwertung des eigenen BerufsKritiker glauben, dass durch die Eingliederung des Versicherungseinkaufs in den allgemeinen Einkauf die Position des Risikomanagers im Unternehmen an Bedeutung verlieren wird. Die Versicherer fürchten, dass ihr Gestaltungsspielraum enger wird, wenn sich die Industrie an Vorgaben des allgemeinen Einkaufs halten muss. „Der Einkäufer erhält den Beschaffungsauftrag – in die vorangegangene Entscheidung der Risikominimierung war er allenfalls am Rande involviert“, sagt Axel Theis, Chef der Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), der Industrieversicherungstochter der Allianz. „Er kauft Schutz für Industrierisiken ebenso wie seine Kollegen Bleistifte, Büromöbel und Softwarepakete ordern: Am Ende ist alles vor allem eine Frage des Preises.“

Köhler von der ÖBB bestätigt, dass der Preis für den Versicherungsschutz im Vergabeprozess die wichtigste Rolle spielt. „Unsere Ausschreibungen sind strikt preisorientiert“, sagt er. Bevor er Angebote verschiedener Versicherer dem Vorstand vorlegt, müssen diese ganz und gar vergleichbar sein, sowohl bei den Bedingungen als auch dem Preis. „Als staatliches Unternehmen stehen wir unter enormem Preisdruck“, sagt er. „Im Allgemeinen kann ich ohnehin davon ausgehen, dass ein vergleichbarer akzeptabler Preis auch ungefähr die gleiche Leistung beinhaltet. Andere Faktoren spielen nur eine untergeordnete Rolle.“

Versicherung als BilanzschutzTheis von der AGCS ärgert diese Einstellung. „Die Logik eines Einkäufers greift zu kurz, wenn es um ein komplexes, individuelles Produkt wie eine Versicherung für einen Konzern geht“, sagt er. „Eine Versicherung ist weniger Kostenblock als vielmehr Kapitalersatz und Bilanzschutz.“ Verzichte ein Unternehmen darauf, müsse es selbst Risikovorsorge betreiben und Rücklagen bilden.

Jurand Honisch, Versicherungschef beim Bertelsmann-Konzern, dem der FTD-Verlag Gruner + Jahr gehört, hat noch weitere Bedenken. „Wenn wir uns nur noch an den Preisen orientieren, müssen wir uns auch daran messen lassen“, sagt er. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser strategischer Einfluss in den Unternehmen sinkt und wir nur noch auf den Einkauf von Versicherungen reduziert werden.“

Köhler von der ÖBB akzeptiert das Argument des drohenden Bedeutungsverlusts nicht. Er glaubt vielmehr, dass seine Rolle gestärkt worden ist, seitdem das Versicherungsmanagement in den allgemeinen Einkauf gewandert ist.

Mit dem formalen Umbau habe sich der Arbeitsinhalt nicht verändert, weil die Abteilung komplett übernommen worden sei. „Wir stehen noch immer in engem Kontakt mit den Entscheidungsträgern, das Personal hat sich nicht geändert, es gibt keine Mitarbeiter in unserer Abteilung, die von Versicherung keine Ahnung haben und nebenher noch die Bleistifte einkaufen sollen.“ Mit Einkäufern aus anderen Bereichen gebe es arbeitstechnisch kaum Überschneidungen, weil die Kompetenzen kaum unterschiedlicher sein könnten.

Bei manchen seiner Kollegen erntet er mit seiner Einstellung Kopfschütteln. „Wer jeden Versicherungsabschluss zuvor mit seinem Einkaufschef diskutieren muss, verliert die Möglichkeiten, Risikomanagement und Risikotransfer selbst aktiv mitzugestalten“, sagt Reiner Siebert, Geschäftsführer von Albatros, dem firmenverbundenen Vermittler der Lufthansa. Siebert ist auch stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands firmenverbundener Versicherungsvermittler und -gesellschaften.

Weil die Vergleichbarkeit von Deckungen nach Preis und Leistung für die ÖBB eine wichtige Rolle spielt, hat sich das Unternehmen entschieden, als österreichischer Pilotkunde beim Onlineportal inex24 mitzumachen. Über die Internetplattform können Industrie und Makler Risiken ausschreiben und mit Versicherern über Preise verhandeln. Erste Ausschreibungen der ÖBB sollen Anfang 2013 getätigt werden. „Inex24 hilft uns, vergleichbare Angebote unverbindlich von verschiedenen Versicherern zusammenzutragen“, sagt Köhler. „Die Zusammenarbeit mit den Versicherern wird sich dadurch nicht verändern“, erwartet er. Persönliche Gespräche, Treffen und Telefonate mit den Gesellschaften werden nicht wegfallen. „Inex24 für uns eine echte Neuerung, die das Geschäft transparenter machen wird.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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