Ein krankes System

Die betriebliche Altersversorgung soll die gesetzliche Rente aufbessern. Dem Versicherungsmakler Ulrich Pfaffelhuber dient sie zur privaten Gewinnmaximierung- auf Kosten der Beschäftigten. Im Zentrum seines Systems: ein Beirat aus Politikern, einem Top-Mediziner, einer Gewerkschaftsführerin und anderen einflussreichen Personen

Herbert Fromme , Köln

Der Versicherungsmakler Ulrich Pfaffelhuber hat zum Gespräch ins vornehme Kölner Dom-Hotel gebeten. Der 68-Jährige wirkt fit und angriffslustig. Ihm steht so etwas wie ein Endspiel bevor. Die Vorwürfe, mit denen ihn die FTD konfrontiert hat, und die er heute entkräften will: private Gewinnmaximierung auf Kosten von Zehntausenden Krankenhausmitarbeitern.

Er hat sich Verstärkung mitgebracht: ein Mitarbeiter aus Berlin und sein PR-Berater Dietrich von Gumppenberg – im Nebenberuf FDP-Landtagsabgeordneter im Bayerischen Landtag. Pfaffelhuber ist sichtlich erregt, bemüht sich aber um einen ruhigen Ton. Nichts ist zu erahnen von den Wutausbrüchen, von denen Ex-Mitarbeiter berichten.

Im Café der Luxusherberge mit Domblick argumentiert der Makler, warum er ein Wohltäter ist und die Mitarbeiter deutscher Krankenhäuser ihm viel verdanken – eine sichere private Altersvorsorge nämlich. Und dass jeder Cent, den er von den Mitarbeitern bekommt, in guten Service für sie fließt.

Das ist Pfaffelhubers Wirklichkeit. Dokumente, die der FTD vorliegen, belegen das krasse Gegenteil. Danach zahlen Zehntausende von Schwestern, Pflegern, Ärzten und Verwaltungsangestellten in deutschen Kliniken deutlich überhöhte Provisionen für ihre betriebliche Altersversorgung – an Pfaffelhuber. Ihre privaten Zusatzrenten, mit denen sie im Alter ihre Einkünfte aufbessern wollen, werden dadurch spürbar geschmälert.

Das System wird betrieben vom Berliner Dachverband der Unterstützungskassen für deutsche Krankenhäuser (DUK) und der Maklerfirma VAF Pfaffelhuber in Würzburg. Es erfreut sich großen Rückhalts bei einflussreichen Unionspolitikern. Eine Reihe von Abgeordneten sitzt im hoch dotierten DUK-Beirat, dafür kassieren sie mehr als 3000 Euro pro Treffen als Sitzungsgeld. Als der DUK 2009 in Berlin sein 15-jähriges Jubiläum mit großem Pomp feiert, hält der damalige CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Festrede, den Festakt zum zehnjährigen Geburtstag 2004 hatte die CDU-Chefin Angela Merkel mit einer Ansprache gekrönt.

Die Beteiligung prominenter konservativer Politiker am System Pfaffelhuber ist für die Union peinlich. Denn sie will die betriebliche Altersvorsorge mit aller Macht fördern, um Lücken in der gesetzlichen Rente auszugleichen. Doch Methoden, wie sie der DUK anwendet, führen zu hoher Kostenbelastung der Versicherten und zerstören das Vertrauen der Beschäftigten in die betriebliche Zusatzrente.

Überhöhte Provisionen

71 000 Krankenhausmitarbeiter sind über sogenannte Unterstützungskassen der Krankenhäuser versichert, die im DUK zusammengeschlossen sind. Große Klinikbetreiber wie Helios und die Berufsgenossenschaften sind dabei. Die Unterstützungskassen schließen für ihre Mitglieder Versicherungen bei privaten Gesellschaften ab.

Der DUK wurde 1994 vom Würzburger Makler Pfaffelhuber aufgebaut und ist besonders in Ostdeutschland stark. Ulrich Pfaffelhuber ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Vorstandsvorsitzender ist Hans Jürgen Ahrens. Er war einst der mächtige Chef des AOK-Bundesverbands, heute bessert er seine persönliche Rente mit dem Job beim DUK auf. FTD-Anfragen an den DUK und seinen Vorsitzenden beantwortet Pfaffelhubers PR-Berater von Gumppenberg.

Die Maklerfirma VAF Pfaffelhuber kassiert nach Angaben der Gothaer – dem wichtigsten Versicherer des DUK – für einen großen Teil der Altersvorsorgeverträge eine Vermittlungsprovision von vier Prozent. Der Prozentsatz bezieht sich auf die insgesamt von Mitarbeitern oder Unternehmen während der Laufzeit der Verträge zu zahlenden Beiträge. „Im Bereich des DUK werden alle Tarifvarianten in allen Preisklassen genutzt“, sagt Pfaffelhuber dazu, bestreitet aber nicht, dass auch vier Prozent fließen.

In der betrieblichen Altersversorgung ist nach einhelliger Ansicht von Experten, Gewerkschaftern und DUK-Konkurrenten aber nur der halbe Provisionssatz üblich, in vielen Fällen sogar deutlich weniger. Vier Prozent sind der normale Provisionssatz für Einzelverträge im Privatkundengeschäft – nicht für Gruppenverträge wie beim DUK.

Die Differenz kostet die Versicherten Millionen. „Die Branche rechnet mit durchschnittlichen Beitragssummen von 30 000 Euro in der betrieblichen Altersversorgung über die Laufzeit der Verträge“, sagt Hubertus Mund, Geschäftsführer beim DUK-Konkurrenten Klinikrente. Bei 71 000 Versicherten kämen auf dieser Grundlage 2,13 Mrd. Euro Beitragssumme zusammen. Vier Prozent Provision davon machen satte 85 Mio. Euro aus. Würden lediglich zwei Prozent Provision fließen, wären es nur knapp 43 Mio. Euro. Pfaffelhuber hält die Schätzung von 30 000 Euro für überhöht, liefert aber selbst keine andere Zahl. Doch selbst bei nur 25 000 Euro Gesamtbeitrag pro Vertrag oder bei einer deutlich geringeren Zahl von Versicherten, von denen Pfaffelhuber die hohe Provision kassiert, bleibt eine Differenz in zweistelliger Millionenhöhe.

Krankenschwestern und Angestellte spüren die von ihnen an den Makler Pfaffelhuber gezahlten Provisionen später in ihren privaten Zusatzrenten. Sie sind deutlich niedriger, als sie sein müssten. Denn die höhere Provision wird von ihren Beiträgen in den ersten fünf Jahren abgezogen, ein entsprechend kleinerer Teil der Beiträge angelegt.

Durch Zins- und Zinseszinseffekte wirkt sich das deutlich aus. „Nach unseren Berechnungen ergibt sich eine Differenz in den Versicherungssummen von circa sechs Prozent“, sagt eine Sprecherin des Versicherers Axa, der mit Pfaffelhuber zusammenarbeitet. Das sei der Unterschied zwischen voller und halber Bewertung – der Branchenjargon für vier Prozent oder zwei Prozent Provision. Auf Deutsch: Überhöhte Provisionen für den Makler Pfaffelhuber können nach Berechnungen von Axa zu einer um rund sechs Prozent reduzierten Privatrente für Mitarbeiter führen.

Die FTD hat den DUK-Konkurrenten Klinikrente, der von der Allianz dominiert wird, gebeten, zu konkreten Verträgen des DUK alternative Angebote zu berechnen. „In der Regel betrüge die garantierte Rente bei derselben Beitragszahlung vier bis fünf Prozent mehr, in vielen Fällen auch deutlich darüber“, rechnet Geschäftsführer Mund vor.

Neben den hohen Provisionen für Makler Pfaffelhuber liegt die Differenz auch am mageren Geschäftserfolg der Gothaer, die das Konsortium anführt. Die meisten Verträge laufen über die Gothaer Pensionskasse, die ihren Kunden 2012 eine laufende Verzinsung von 3,3 Prozent auf den Sparanteil der Prämien gutschreibt.

Die Gothaer Lebensversicherung schreibt 3,8 Prozent gut und liegt knapp unter dem Marktschnitt, aber davon profitieren nur manche unter den DUK-Versicherten. Denn nur die Krankenhausmitarbeiter mit höheren Versicherungssummen werden von der Gothaer Leben versichert, der Rest von der weniger rentablen Pensionskasse.

Zehntausende Verwaltungsangestellte, Pflegekräfte und Ärzte zahlen hohe Provisionen, dadurch bleibt weniger Kapital, das überhaupt verzinst wird. Und dieser kleinere Betrag wird dann auch noch schlechter verzinst als bei anderen Altersvorsorgesystemen.

Der Beirat – hoch bezahlt, ahnungslos

Trotz der eklatanten Schlechterstellung von Belegschaften durch hohe Provisionen konnte Pfaffelhuber mit seinem Geschäftsmodell punkten. Ein wichtiger Grund: Der Makler hat ein machtvolles Netzwerk aufgebaut, das im Kern aus einem Beirat aus Politikern, Medizinern, Gewerkschaftsführern und anderen einflussreichen Persönlichkeiten besteht. Dazu kommen ein Fachausschuss, eine Personalleiterkonferenz und ein Arbeitnehmerforum.

Während die versicherten Mitarbeiter drauflegen, ist das Engagement im Beirat des DUK wegen des Sitzungsgelds von mehr als 3000 Euro höchst lukrativ. Schließlich trifft man sich mindestens zweimal pro Jahr. Auch beim Fachausschuss, in dem Personalchefs und andere Manager großer Privatkliniken sitzen, fließen Sitzungsgelder. Über die Höhe schweigen sich Pfaffelhuber und die Beteiligten aus.

Der Beirat wird vom renommierten Mediziner Axel Ekkernkamp angeführt, Geschäftsführer und ärztlicher Direktor am Unfallkrankenhaus in Berlin und Professor in Greifswald. Zu den Mitgliedern gehören die drei CDU-Bundestagsabgeordneten Heike Brehmer, Michael Hennrich und Rolf Koschorrek. Hennrich und Koschorrek sind Mitglieder des Bundestags-Gesundheitsausschusses.

Auch Isolde Kunkel-Weber findet sich im DUK-Beirat, Vorstandsmitglied bei Verdi – der Gewerkschaft, die in der Öffentlichkeit immer darauf drängt, dass die Beschäftigten in der betrieblichen Altersversorgung nicht benachteiligt werden. Beiratsmitglied Wilhelm Hecker war einst unter Norbert Blüm Staatssekretär im Arbeitsministerium und verfolgte danach eine Karriere bei Krankenhausträgern,

Nicht von Nachteil für Pfaffelhuber ist auch die Beiratsmitgliedschaft von Stephan Articus, geschäftsführendes Präsidialmitglied des Deutschen Städtetags. Für den DUK sind die Städte wichtige Ansprechpartner, sie haben viele Kliniken. Carl Hermann Schleifer war einst Minister in Schleswig-Holstein unter Uwe Barschel (CDU), dann Vorstand der Kölner Colonia-Versicherung (heute Axa) und später Chef der Klinikkette Damp 2000. Er bringt Erfahrung und gute Kontakte.

Beiratsvorsteher Ekkernkamp sieht keinerlei Verantwortung des hoch bezahlten Beirats für die Geschäftspolitik des DUK. Zwar solle der Beirat das Versorgungswerk „politisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich“ begleiten, doch habe das Gremium Kalkulationsmethoden und Provisionen „nicht erörtert“, teilt Ekkernkamp mit.

Auch die Reihe der Versicherer, die für DUK das Geschäft abwickeln, glänzt durch große Namen. Neben der Gothaer in Köln sind das Axa und Ergo. Ergo ist an dem Konsortium beteiligt, das die Gothaer für das Neugeschäft des DUK anführt. Die Munich-Re-Tochter Ergo stand 2011 im Mittelpunkt einer Reihe von Skandalen, darunter eine Reise für Vertreter nach Budapest, bei der das Unternehmen Prostituierte bezahlte. Ein weiterer Vorwurf: Ergo-Vertreter hatten Mitarbeitern von Betrieben, in denen Gruppenverträge für die betriebliche Altersvorsorge bestanden, die teureren Einzelverträge verkauft. Ergo musste einräumen, dass die Vorwürfe zumindest in einer Reihe von Fällen zutrafen.

Bei DUK und Pfaffelhuber ist die Sache anders: Hier werden gleich ganzen Belegschaften Verträge mit hohen Provisionssätzen angeboten.

Die Belegschaft bekommt davon nichts mit. Denn die Policen der Versicherer bleiben unter Verschluss bei den Unterstützungskassen der jeweiligen Kliniken und Betreiber, die Kostenbelastung bleibt im Dunkeln. Der DUK-Versicherte bekommt nur einen „Leistungsausweis“, der keinerlei Angaben über Abschlusskosten oder laufende Gebühren enthält. Im Gegensatz zu privaten Lebens- und Rentenversicherungen, die detailliert Kosten ausweisen müssen, ist das in der betrieblichen Altersversorgung nicht vorgeschrieben. Klinikrente und Metallrente weisen dennoch freiwillig die Kostenbelastung gegenüber den Versicherten aus.

Kritiker aus der eigenen Branche

Selbst Maklerkollegen wundern sich über die Provisionshöhe von vier Prozent. „In der betrieblichen Altersversorgung für Betriebe mit mehr als 80 Angestellten ist es üblich, dass in der Spitze höchstens zwei Prozent Abschlussprovision gezahlt werden“, sagt Oliver Fellmann, einer der Chefs des Münchner Maklers M.A.R.K. Fellmann sitzt auch im Vorstand des Verbands Deutscher Versicherungsmakler (VDVM). Meistens seien 1,8 Prozent normal.

Die DGB-Juristin und Expertin für Altersvorsorge Martina Perreng ist empört angesichts der hohen Provisionsbelastung, die den Belegschaften aufgebürdet wird. „Es ist eine Unverschämtheit, dass für Gruppenverträge Provisionen wie für Einzelverträge abgerechnet werden“, sagt sie. Es sei „äußerst merkwürdig“, dass es solche Verträge überhaupt gebe.

Perreng hatte 2011 nach dem Ergo-Skandal um die betriebliche Altersversorgung alle Betriebsräte, die Mitglied in DGB-Gewerkschaften sind, angeschrieben und sie zur Wachsamkeit gegenüber überhöhten Provisionen aufgefordert. Dennoch haben offenbar viele Betriebsräte in den Privatkliniken die DUK-Verträge abgenickt. „Genauso wie der einzelne Arbeitnehmer überfordert ist mit dieser Frage, sind auch viele Betriebsräte überfordert“, räumt Perreng ein. „Die glauben dann, dass der Arbeitgeber schon das Beste aussuchen wird.“

Die Gewerkschaftsspitze von Verdi, in der Krankenhausmitarbeiter organisiert sind, hat allerdings über Verdi-Vorstand Kunkel-Weber gute Beziehungen zum DUK, schließlich sitzt sie dort im Beirat. Kunkel-Weber immerhin beschleichen jetzt Zweifel. „Wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten, wäre das nicht mit den gewerkschaftlichen Anforderungen an eine betriebliche Altersvorsorge vereinbar“, sagt sie. „Ich erwarte, dass der Vorstand (des DUK) umgehend die nötigen Konsequenzen zieht und die Vertragsabschlüsse so gestaltet, dass die Beschäftigten im Alter bestmöglich finanziell abgesichert sind.“ Anderenfalls sei sie nicht länger bereit, die Arbeit des DUK im Beirat zu begleiten.

Die Verbraucherschutzorganisation Bund der Versicherten (BdV) sieht die Arbeitgeber in der Haftung. „Solche Provisionen in der betrieblichen Altersversorgung sind vollständig unüblich“, sagt Vorstandschef Axel Kleinlein. „Die Arbeitgeber wissen oft nicht, welche Haftungen sie mit einer unzureichenden betrieblichen Altersversorgung auf sich nehmen.“ Möglicherweise können Beschäftigte gegen ihre Arbeitgeber Ansprüche erheben, wenn die in der Altersversorgung Entscheidungen zum Nachteil der Arbeitnehmer getroffen haben.

Entrüstet ist auch Heribert Karch, Vorsitzender der renommierten Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung (bAV). „Das Soziale an der betrieblichen Altersversorgung ist ja gerade, dass sie kollektiv ist“, sagt Karch. „Wenn dabei die volle Provision gezahlt wird, ist der eigentliche Vorteil der betrieblichen Lösung gegenüber einer privaten Altersversorgung in Gefahr.“ Hohe Provisionen seien „nicht bAV-würdig“. Neben seiner Verbandsfunktion in der Arbeitsgemeinschaft ist Karch im Hauptberuf einer der Geschäftsführer der Metallrente. Die IG Metall hat ihn dorthin entsandt.

Die Klinikunternehmen hüllen sich in Schweigen. „Wir haben keinen Anlass, an den geschlossenen Vereinbarungen zu zweifeln“, sagt eine Sprecherin der Klinikkette Helios.

Makler Pfaffelhuber begründet seine Provisionen vor allem mit dem Service, den er den Arbeitgebern erbringt. „Die Wertschätzung des DUK durch die Kliniken sehen Sie, wenn Sie die Helios-Kliniken betrachten“, sagt Pfaffelhuber. „Helios hat vor zwei Jahren eine Gesamtausschreibung vorgenommen und dabei unsere Gesamtleistung überprüft.“ Dabei habe der DUK obsiegt, „weil da das gesamte Dienstleistungspaket enthalten war. Der DUK übernimmt alle Verwaltungs- und Servicedienstleistungen seiner Mitglieder im Bereich der bAV.“ Mitglieder sind die Kliniken – warum Mitarbeiter mit der hohen Provision dafür zahlen sollen, dass die Krankenhäuser weniger Kosten haben, erläutert er nicht.

Es gebe keine feste Provisionsstruktur, so Pfaffelhuber weiter. Die Provisionsstruktur richte sich nach der jeweils gewünschten Service-, Beratungs- und Leistungsstruktur. Das heißt: Laut Pfaffelhuber haben die Kliniken nichts dagegen, dass der Makler den Belegschaften die hohen Provisionen abknöpft.

Praktiker aus der betrieblichen Altersversorgung weisen allerdings darauf hin, dass Arbeitgeber und erst recht Betriebsräte eher selten Tarifen zustimmen, die zum Nachteil der Mitarbeiter marktunüblich hohe Provisionen enthalten.

Das Argument, Pfaffelhubers Firma erbringe deutlich höhere Beratungsdienstleistungen als die Konkurrenz, hält Konkurrent Mund von der Klinikrente für nicht stichhaltig. „Über die betriebliche Altersversorgung habe ich einen wesentlich einfacheren Zugang zum Endkunden als im Privatkundengeschäft“, sagt Mund. Ausnahmen seien Unternehmen, die extrem weit auseinanderliegende Standorte mit jeweils wenigen Mitarbeitern haben. „Aber das ist bei Krankenhäusern überhaupt nicht der Fall. Die haben im Schnitt 500 Beschäftigte, die angesprochen werden. Das sind Geschäftsvolumina, für die man im Privatkundengeschäft mit hohem Aufwand sehr lange arbeiten muss“, sagt Mund. Von den großen Versorgungswerken fordere kaum jemand die Provisionen von Einzelverträgen.

Dass der DUK durch die Betriebsleitungen Zugang zu allen Beschäftigten bekommt und Beratungen Schlag auf Schlag durchführen kann, bestätigt Rudolf Göb. Er war mehr als 20 Jahre Fachpfleger für Anästhesie in der BG-Unfallklinik Oggersheim, die den Berufsgenossenschaften gehört. Am 29. Oktober 2004 schloss er eine betriebliche Altersversorgung beim DUK ab, heute ist er im Ruhestand. „Damals hat die BG-Unfallklinik Personalversammlungen anberaumt und dort den DUK wärmstens empfohlen“, sagt Göb. Dann gab es während der Arbeitszeit Beratungsgespräche. „Das war genau getaktet, man wusste, man sollte zu einem bestimmten Datum um 9.50 Uhr vor der Tür stehen.“ Der Arbeitgeber stellte Räume zur Verfügung, die Beratungszeit war für die Mitarbeiter Arbeitszeit – ideale Voraussetzungen für rasche Abschlüsse. Wo der gegenüber anderen Versorgungswerken besondere Aufwand liegen soll, bleibt im Dunkeln.

Nach dem Gespräch gab es ein Beratungsprotokoll. Unter „besondere Vorteile“ bei der Entgeltumwandlung – der Zahlung der Beiträge durch den Arbeitgeber aus dem Bruttoeinkommen an den DUK – heißt es: „Der Umwandlungsbetrag fließt ungekürzt in die Versorgung.“ Göb ist immer noch empört. „Von Abschlussprovisionen, laufenden Provisionen und anderen Kosten kein Wort, auch nicht im Protokoll.“ Auch in der später ausgehändigten Bescheinigung kommt die Kostenbelastung nicht vor.

Göb zahlt 200 Euro im Monat, viereinhalb Jahre lang, insgesamt 10 800 Euro – bis er 2009 schwer krank und schließlich berufsunfähig wird. Zunächst will der DUK nicht zahlen, schließlich handele es sich um eine private Altersversorgung, die erst bei Eintritt in das Rentenalter fällig werde, so die Organisation. Erst als Göb mit 60 vorzeitig in die Altersrente geht, zahlt der DUK im November 2011 aus – genau 8836 Euro, fast 2000 Euro weniger, als Göb eingezahlt hatte. Aus datenschutzrechtlichen Gründen will der DUK zu dem Fall nicht Stellung nehmen. Doch gebe es bei unvorhergesehenen Ereignissen „die allgemein bekannten versichungsmathematisch bedingten Verschiebungen“. Das sei bei jedem Versicherer so. Das mag stimmen – aber in dieser Höhe nur, wenn ein Versicherer seine Verträge mit ähnlichen Kosten auflädt. Die 2000 Euro, die Göb mit dem Vertrag verloren hat, hat nicht die Mathematik aufgefressen, sie gingen für Provisionen und andere Kosten drauf.

Ein Problem für die Gothaer

Makler Pfaffelhuber selbst geht es deutlich besser. Der 68-Jährige verwaltet ein Geflecht von Maklerfirmen mit insgesamt rund 60 Mitarbeitern. Hauptunternehmen ist die „VAF Pfaffelhuber GmbH Versicherungen, Altersversorgungssysteme, Finanzmarktanalysen-Fachmakler für betriebliche Altersversorgung“ in Würzburg. Daneben kontrolliert er die „Medicor KG Spezialvermittler für Betriebliche Kollektiv-Versicherungslösungen“, die P12 GmbH, die P12 Verwaltungs-GmbH, die P dodici GmbH & Co. KG und die VAF Akademie GmbH Vorsorge Ausbildung Führung.

Ex-Mitarbeiter beschreiben Pfaffelhuber als jähzornig. Er werfe manchmal Leute aus Verärgerung raus, stelle sie aber meistens sofort wieder ein, berichten sie. Es gebe kein Hire und Fire bei ihm, sagt Pfaffelhuber dazu. Und jähzornig könne ihn nur jemand finden, dem bajuwarisches Temperament unbekannt sei. Im persönlichen Gespräch gibt sich Pfaffelhuber selbstlos. Dem DUK liege nur das Wohl der Beschäftigten am Herzen, vor allem durch das gute Beratungsangebot.

Problematisch ist der ganze Vorgang auch für den Kölner Versicherer Gothaer. Die Gothaer versucht sich gerade neu als Versicherer für Betriebe aufzustellen. Ein Schwerpunkt ist die betriebliche Altersversorgung. Überhöhte Provisionszahlungen an einen Versicherungsmakler auf Kosten der Belegschaften passen da nicht ins Konzept.

Gothaer-Chef Werner Görg versucht, die Verantwortung auf die Kliniken und ihren Berater Pfaffelhuber abzuschieben. „Wir halten uns nur an die Ausschreibungen der Kliniken“, sagt Görg. Diese Ausschreibung werde von den Arbeitgebern mithilfe von Beratern gestaltet. „Wenn man dann als Neunmalschlauer hingeht und dem Makler mitteilt, das kann man auch anders machen, oder dass die Ausschreibung eigentlich anders gestaltet sein müsse, dann ist man für die nächsten drei Generationen draußen.“ Der Arbeitgeber habe gegenüber dem Makler Anspruch darauf, über alles informiert zu werden, was der Makler in Erfüllung seines Auftrags erhält. „Das gilt sowohl für die Zahlungen als auch für die Unterlagen. Wenn der Arbeitgeber darauf verzichtet, diese Unterlagen einzufordern, kann ich das nur zur Kenntnis nehmen.“

Chance für die Geprellten

Die Versicherungsgruppe Axa hat sich schon 2003 vom DUK abgesetzt. Bei Kliniken, die ihre Mitarbeiter neu absichern wollen, agiert Axa inzwischen als Teil der Klinikrente. Allerdings: „Bei bestehenden Versorgungen übernehmen wir noch das Neugeschäft im Bestand, damit die Arbeitgeber ihre Versorgungszusagen nicht anpassen müssen“, sagt die Sprecherin. Die Munich-Re-Tochter Ergo schiebt die Verantwortung auf den Konsortialführer, Gothaer. „Die Fragen der Provisionierung werden zwischen dem Konsortialführer und dem Provisionsempfänger vertraglich geregelt.“ Das stimmt, doch niemand hat Ergo gezwungen, sich an einem Konsortium zu beteiligen, das zulasten der Beschäftigten Höchstprovisionen an einen Makler zahlt.

Makler Pfaffelhuber steht möglicherweise Ärger von Betroffenen ins Haus. Grundsätzlich gilt: „Ein Makler ist treuhänderischer Sachwalter der Interessen des Kunden“, sagt der Jurist Hans-Georg Jenssen, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Maklerverbandes VDVM. Jenssen will sich zum Fall Pfaffelhuber nicht äußern. „Jeder Makler hat bei der Auswahl von Versicherungen die wirtschaftlichen Interessen des Versicherungsnehmers zu berücksichtigen und darf nicht einfach die für ihn bequemste oder die teuerste Lösung wählen.“

Kunden sind bei Pfaffelhuber die Kliniken und deren Unterstützungskassen. Ein Makler könne aber auch Pflichten gegenüber den versicherten Personen haben, sagt Jenssen. In diesem Fall wären das die Mitarbeiter. „Dazu kann auch gehören, eine preisgünstigere Tarifvariante auszuwählen“, sagt Jenssen. Verletze ein Makler seine Pflichten, könnten Betroffene ihn haftbar machen.

 

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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