Filmfondsaltlast macht Talanx Ärger

Kurz vor seinem Börsengang holt den Versicherer die Vergangenheit ein.Anleger werfen ihm falsche Prospektangaben vor

Herbert Fromme

Herbert Fromme , Köln

Kurz vor seinem Börsengang am morgigen Dienstag hat Talanx Ärger mit der Münchener Firma CR Collective, die Forderungen von Anspruchstellern gegen den Versicherer aufgekauft hat. CR beschuldigt Talanx, Risiken aus der Versicherung von Filmfondsinitiatoren durch die Konzerntochter HDI-Gerling Industrie nicht ausreichend im Anlegerprospekt für den Börsengang berücksichtigt zu haben. Die Münchener haben daher Anzeige bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) wegen des Verdachts der Marktmanipulation gestellt.

„Wir schauen uns das an“, sagte eine BaFin-Sprecherin. Allerdings werde noch keine Talanx-Aktie an der Börse gehandelt. Nur dann greife der Vorwurf der Marktmanipulation. Das ist ab Dienstag freilich anders: Dann soll die Talanx-Aktie in den Handel an der Frankfurter Börse starten, der Zoff mit CR Collective kommt da zur Unzeit.

Die Firma hat 2000 Anlegern, deren Geld in Cinerenta-Medienfonds steckt, Forderungen gegen Talanx abgekauft. Die Gesamtsumme beträgt 150 Mio. Euro. Geführt wird CR von Florian Lechner. Er ist zugleich Chef der Cine Pictures Management, die den Fonds Cinerenta abwickelt.

Mit seiner Anzeige macht Lechner Druck beim Durchsetzen seiner Forderungen. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum die HDI-Gerling bekannten Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe im Emissionsprospekt von Talanx für den Börsengang nahezu unerwähnt bleiben“, sagte Lechner der FTD.

HDI-Gerling hatte die Versicherungsdeckung des Filmfondsinitiators Contor Treuhand aus der Vermögensschadenhaftpflicht im Juli 2010 zurückgezogen. Zuvor hatte der Versicherer in einigen Verfahren Verteidigungskosten gezahlt und außergerichtliche Vergleiche geschlossen. „Der Versicherungsnehmer hat wissentliche Pflichtverletzungen begangen“, sagte Christian Hinsch. Er ist Chef von HDI-Gerling Industrie und Talanx-Konzernvize. Bisher habe es rund ein Dutzend Verfahren gegeben, in denen Anleger HDI-Gerling verklagt hätten. „Alle gingen zu unseren Gunsten aus.“

Die Summen, die Lechner nenne, hätten mit dem tatsächlichen Risiko nichts zu tun. „Wir sind Industrieversicherer, da gehören Großschäden zu unserem Geschäftsmodell. Solche Schäden sind rückversichert. Die mögliche Nettobelastung für uns ist deutlich geringer“, sagte Hinsch. Die Rückstellungen seien ausreichend, der Prospekt in Ordnung.

CR-Collective-Chef Lechner glaubt dennoch, dass Käufer der Talanx-Aktie getäuscht würden. „Die Frage ist, ob ein Anleger sein Geld in Talanx-Aktien stecken würde, wenn er wüsste, dass eine Klageflut auf Talanx zurollt.“ Bislang habe sein Unternehmen nicht geklagt, werde das aber bald tun.

Talanx bezeichnete in einer Pressemitteilung am Freitag Lechner als „langjährigen Prozessgegner“, der bekannte Vorwürfe wieder lanciere. Lechner erklärte dazu, weder er noch eine Firma, die er vertrete, habe bislang einen Prozess gegen Talanx geführt. Der Versicherer antwortete, mit den „langjährigen Prozessgegnern“ seien die Filmfondsanleger insgesamt gemeint.

Der Streit ist ein Überbleibsel des Filmfondsbooms der 90er-Jahre. Damals investierten Zehntausende Anleger jährlich rund 2 Mrd. Euro in steuersparende Filmfonds. Ende der 90er-Jahre änderten die Finanzämter überraschend ihre Sichtweise auf Filmfonds, auch rückwirkend. Die Folge: Anleger mussten Steuern plus Zinsen nachzahlen.

Für den Cinerenta-Filmfonds hatten die Initiatoren 9000 Anleger geworben, die 450 Mio. Euro einzahlten. Treuhänder war die Contor Treuhand Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Die war versichert bei HDI-Gerling und der Versicherungsstelle Wiesbaden. Später stellte sich heraus, dass Contor vor allem an die mit ihr verflochtene Vertriebsfirma Investor Treuhand Innenprovisionen von 20 Prozent gezahlt, im Prospekt aber nur von sieben Prozent Provision und fünf Prozent Aufgeld berichtet hatte.

Wirtschaftlich war Cinerenta ein Flop. Tausende Anleger verklagten Contor auf Schadensersatz wegen der unterlassenen Offenlegung der Innenprovisionen. Allerdings unterlagen die Kläger in fast allen Verfahren.

HDI-Gerling hatte jahrelang die Abwehr von Ansprüchen gegen Contor finanziert und mit einigen Anlegern außergerichtliche Vergleiche geschlossen. 2010 zog der Versicherer seine Deckungszusage aber zurück und forderte von Contor die Rückzahlung der bereits gezahlten Summen – das Unternehmen ging in die Insolvenz.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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