„Natürlich kann man Kernkraftwerke versichern“

InterviewDirk Harbrücker ist Geschäftsführer der Deutschen Kernreaktor-Versicherungsgemein- schaft (DKVG). Ihr gehören insgesamt 32 Versicherer an

Herbert Fromme

FTD Herr Harbrücker, EU-Energie- kommissar Günther Oettinger verlangt eine Pflichtversicherung für Kernkraftwerke. Kann man AKWs überhaupt versichern?

Dirk Harbrücker Natürlich kann man sie versichern. Wir tun das seit Jahrzehnten in Zusammenarbeit mit ähnlichen Einrichtungen in der ganzen Welt. Zunächst einmal ist das eine technische Anlage wie jede andere auch. Allerdings sind die Versicherungskapazitäten begrenzt. Die private Versicherungswirtschaft stellt weltweit zurzeit nicht mehr als 1,5 Mrd. Euro in der Haftpflichtversicherung als Versicherungssumme zur Verfügung. Ein Problem ist, dass die Zahl der versicherten Objekte relativ gering ist und die Versicherer deshalb in dieser Sparte nur wenig Ausgleich haben. Das Unglück im japanischen Fukushima im März 2011 hat gezeigt, dass für Totalkatastrophen Haftungsstrecken von 30 Mrd. Euro bis 50 Mrd. Euro nötig sind.

Was halten Sie denn von einer Pflichtversicherung, wie sie EU-Kommissar Oettinger fordert?

Harbrücker Die gibt es bereits durch internationale Übereinkommen, wenn auch mit relativ geringen Summen. Was Oettinger wahrscheinlich verlangt, ist eine größere finanzielle Sicherheit bei möglichen Schäden. Da muss man sich genau ansehen, an wen er sich richtet. Deutschland und die Schweiz sind die einzigen Länder, in denen die Betreiber von Kernkraftwerken unbegrenzt mit ihrem gesamten Vermögen haften. Das ist in anderen Ländern anders, auch in der Europäischen Union. In Frankreich etwa haften die Betreiber von Kernkraftwerken nur bis 100 Mio. Euro.

In Deutschland sind 256 Mio. Euro der Haftpflichtrisiken privat versichert, weitere 2,24 Mrd. Euro tragen die Betreiber gemeinsam. Darüber hinaus haften sie individuell. Könnte die Assekuranz auch in Deutschland mehr decken?

Harbrücker In Deutschland wird nicht mehr nachgefragt. International sind die Kapazitäten in der Haftpflichtversicherung der Kernkraftwerksbetreiber in den vergangenen Jahren stark ausgebaut worden und haben inzwischen 1,5 Mrd. Euro erreicht. Dabei haben wir gesehen: Wenn höhere Summen nachgefragt werden, reagiert der Versicherungsmarkt auch.

Angesichts der von Ihnen genannten Haftungsstrecke von 30 bis 50 Mrd. Euro für einen Unfall vom Typ Fukushima sind die 2,5 Mrd. Euro in Deutschland nicht gerade sehr viel. Harbrücker Natürlich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Fuku- shima jemals in Deutschland ereignen könnte. Anders als Japan ist unser Land nur minimal erdbebengefährdet, und hier wurden auch nicht so gravierende Fehler bei Genehmigungen gemacht. Interview: Herbert Fromme

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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