Wie der Wettbewerb die Winzer kreativ werden lässt

Weinbauern setzen auf touristische Angebote und edle Tropfen

Anne-Christin Gröger

Anne-Christin Gröger

Mit einer mitgebrachten Brotzeit im Kellereihof sitzen und den neuen Federweißen kosten – damit lockt die Winzergenossenschaft Weinbiet in der Pfalz Weinliebhaber aus ganz Deutschland. Nebenher können die Touristen die Winzer beim Anliefern der Trauben beobachten.

Das Weinbaugebiet Franken wirbt mit einer anderen Attraktion: Die Winzer verleihen E-Bikes an Besucher, die damit die hügeligen Weinberge durchqueren können. Dass sie dabei hin und wieder eine Verschnaufpause brauchen, freut die Winzer, denn das kurbelt den Verkauf in den Weinbergschenken an.

Touristenattraktionen gewinnen bei der Selbstvermarktung der Winzergenossenschaften zunehmend an Bedeutung. Der Direktvertrieb allein bringt die nötigen Umsätze schon lange nicht mehr. Um Kunden zu gewinnen, veranstalten die Betriebe Winzerfeste, Weinproben und Lesungen in ihren Kellern und Weinbergen.

Doch nicht nur in der Vermarktung werden die Winzer einfallsreicher. Auch ihre Produktionsprozesse haben sie modernisiert, um im Konkurrenzkampf mit den riesigen Weingütern in Südafrika, Chile oder Australien mithalten zu können. Für viele bedeutet das eine Gratwanderung: „Die Genossenschaften haben nur eine Chance, wenn sie ausreichend Wert auf Qualität legen“, sagt Weinexperte und Fachautor Mario Scheuermann.

Dafür beschäftigen sie Weinküfer, Kellermeister und Marketingexperten. Saßen früher häufig Nebenerwerbswinzer in den Vorständen und Aufsichtsräten, sind heute Wein- und Betriebswirtschaftsexperten am Werk. In der Qualität stünden sie den Weingütern, die von einzelnen Familien bewirtschaftet werden, um nichts nach, sagt Scheuermann. Zwar gebe es weiterhin auch sehr durchschnittliche Weine, aber: „Die Zeiten, in denen sie pauschal als günstige Massenware bezeichnet werden konnten, sind lange vorbei“, sagt der Experte.

Derzeit gibt es 188 Winzergenossenschaften in Deutschland. Besonders viele haben sich in Baden, Württemberg und der Pfalz gegründet. Das hat historische Gründe. Weil die Weinberge dort traditionell unter allen Nachkommen aufgeteilt wurden, schrumpften die Rebflächen. Um wirtschaftlich zu bleiben, schlossen sich die Weinbauern zusammen.

Doch ihre Zahl sinkt, weil die Kosten für Produktion, Vermarktung und Personal steigen. Die geringen Ernten der beiden vergangenen Jahre haben zudem vor allem Betriebe in Württemberg unter Druck gesetzt. „Um wirtschaftlich gut aufgestellt zu sein, wird unter den Genossenschaften munter fusioniert“, sagt Stefan Kolb vom Deutschen Raiffeisenverband.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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