Zerrissener Dreierbund

Seit 1929 arbeiten die Versicherer des Deutschen Rings als Gruppe. Jetzt hat der Bâloise- Konzern, dem ein Teil gehört, die Zusammenarbeit aufgekündigt – mit dramatischen Folgen

Herbert Fromme

Ihre Büros sind nur drei Meter voneinander entfernt. Begegnen sich die einstigen Duzfreunde auf dem Flur im elften Stock der Zentrale des Deutschen Rings an der Hamburger Ost-West-Straße, grüßen sie sich höflich. Aber hauptsächlich verkehren Wolfgang Fauter und Frank Grund heute per Brief miteinander, in Schreiben, in denen jeder Satz die Mitwirkung teurer Anwaltskanzleien atmet. Da geht es um wichtige Dinge wie Vorstandsabberufungen, angebliche Falschaussagen gegenüber der Finanzaufsicht BaFin, Verleumdungen, vorgeblich illegal vergebene Darlehen, aber auch um Triviales wie die Verteilung von Büros oder die Frage, ob es sich nun um eine „Gruppe“ handelt oder nicht.

Beim mittelgroßen Deutschen Ring spielt sich eine Tragikomödie ab, wie sie der Versicherungsmarkt hierzulande noch nicht erlebt hat. Die Wurzeln des Streits reichen 95 Jahre zurück. 1913 gründete die Gewerkschaft Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband einen eigenen Lebensversicherer, die „Volksversicherungs-AG des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes“. Ab 1929 firmierte er als Deutscher Ring Lebensversicherung. Im Jahr 1925 kam ein Krankenversicherer hinzu – diesmal in der Rechtsform eines Versicherungsvereins, der seinen Versicherten gehört. Auch er erhielt vier Jahre später den Namen Deutscher Ring. Ebenfalls 1929 kauften die Gesellschaften einen Sachversicherer hinzu. Seither tritt der Dreierbund als „Deutscher Ring-Gruppe“ auf und hatte über viele Jahre personenidentische Vorstände.

Nach dem Krieg kaufte die Oetker-Gruppe die beiden Aktiengesellschaften, 1985 übernahm sie der Schweizer Versicherer Bâloise. Er behielt die 1962 zuletzt vertraglich geregelte Kooperation mit dem Krankenversicherer bei, der in den 90er-Jahren in eine ernsthafte Schieflage geraten war. Vor zehn Jahren dann holten Bâloise und Kranken-Verein den Vorstandschef Wolfgang Fauter, der den einst maroden Krankenversicherer mit dem für die Krankenversicherung zuständigen Vorstandsmitglied Marlies Hirschberg erfolgreich sanierte und zu einem der wachstumsstärksten der Branche machte.

Jetzt ist es vorbei mit der trauten Dreisamkeit. Ende 2007 verlängerte Bâloise den Vertrag von Fauter um fünf Jahre. Im November 2008 bestellte ihn die Führung in Basel plötzlich ein und teilte ihm mit, ihn aus den Vorständen der Lebens- und Sachgesellschaften abzuberufen. Den übrigen vier Vorstandsmitgliedern bot der Konzern an, weiter in den Vorständen tätig zu sein – sofern sie das Führungsgremium des Krankenversicherungsvereins verließen. Die vier lehnten ab, der Krankenversicherungsverein behielt seine Vorstände. Seitdem herrscht Krieg im Unternehmen – und eine komplizierte Lage vor allem für 1000 Mitarbeiter, die Verträge mit beiden haben.

Bâloise-Chef Rolf Schäuble machte Frank Grund zum neuen Chef in Hamburg. Er ist bereits Vorstandsvorsitzender der anderen deutschen Bâloise-Tochter Basler in Bad Homburg. Schäuble hat das ehrgeizige Ziel, Bâloise in Deutschland, ihrem wichtigsten Auslandsmarkt, sehr viel schlagkräftiger zu machen. Deshalb will er die Basler-Gesellschaften in Bad Homburg und den Deutschen Ring viel enger aneinander binden. Nur so, glaubt Schäuble, ist Bâloise auch fusionsfähig. Anfang 2008 waren Verhandlungen über ein Zusammengehen mit der Gothaer gescheitert, unter anderem an der komplizierten Organisationsstruktur des Deutschen Rings.

Dazu kommt bei den Schweizer Versicherern ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Geschäftsmodell der privaten Krankenversicherung in Deutschland. Künftig will Bâloise weiterhin den Service für die Deutscher Ring Kranken bereitstellen, aber ansonsten Distanz halten.

Schäuble hatte erwartet, dass Fauter und Kollegen auch den Krankenversicherer verlassen würden, nachdem sie aus den anderen Vorständen geworfen wurden. Das Kalkül ging nicht auf.

Jetzt sucht die Bâloise-Seite einen Weg, die widerborstigen Manager unter Druck zu setzen. Ein von Bâloise Ende Dezember aufgebrachter angeblicher Skandal um ein Darlehen von rund 20 Mio. Euro an die Gründer des Finanzvertriebs Formaxx dürfte dazu noch nicht reichen. Anwaltskanzleien und PR-Agenturen werden noch länger gut zu tun haben. Die Stimmung im Unternehmen ist dagegen auf dem Nullpunkt.

ftd.de/deutscher-ring

Streit beim Versicherer

 

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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