Allianz droht mit Rückzug aus Aktien

Neue Bilanzierungsregeln machen Investments unattraktiv · FTD-Interview mitFinanzchef Helmut Perlet

Von Herbert Fromme, München

Europas größter Versicherer Allianz droht mit dem Rückzug aus Aktieninvestments, wenn die jetzt vorliegenden Vorschläge für neue internationale Bilanzregeln unverändert bleiben. „Nicht nur die Allianz, alle Versicherer würden ihr Aktienengagement deutlich nach unten fahren“, sagte Finanzchef Helmut Perlet im FTD-Interview.

Ähnlich kritisch hatte sich bereits Axa-Chef Henri de Castries geäußert. Die Versicherer fürchten, dass Investitionen in Aktien künftig zu sehr hohen Schwankungen in den Ergebnissen führen und viel Kapital binden. Sie wären damit unattraktiver für Investoren. Ohne die Großanleger aus der Assekuranz würde den Aktienmärkten ein sehr wichtiger Investor fehlen.

Perlet setzt darauf, dass das Londoner International Accounting Standards Board (IASB) die Vorschläge noch ändert. „Wir werden als Allianz eine Stellungnahme abgeben und uns an einer Stellungnahme des CFO-Forums beteiligen“, sagte er. Dort sind Finanzchefs großer europäischer Versicherer vertreten.

Das IASB hatte vor wenigen Wochen unter dem Titel IAS 39 Vorschläge veröffentlicht, wie Finanzanlagen zu bilanzieren sind. Das Londoner Komitee setzt die Regeln für die Rechnungslegung nach dem International Financial Reporting Standard (IFRS), die dann von den einzelnen Ländern als Vorschriften übernommen werden.

„Der Vorschlag zum IAS 39 enthält grundsätzlich sehr viele positive Dinge“, sagte Perlet. Zum ersten Mal dürften Versicherer ihre Kapitalanlagen und ihre Verbindlichkeiten gegenüber Kunden nach einheitlichen Kriterien bewerten. Doch seien zwei Punkte nicht stimmig, monierte er. „Wertveränderungen bei Aktien sollen laut IASB in vollem Umfang durch die Gewinn- und Verlustrechnung gehen“, sagte er. „Es wäre aber richtiger, die kurzfristigen Wertveränderungen im Eigenkapital zu zeigen.“ Sonst wären gewaltige Fluktuationen bei den Ergebnissen die Folge. „Wir haben ein sehr langfristiges Geschäftsmodell. Da macht es wenig Sinn, das mit den Spotpreisen am Aktienmarkt zu bewerten.“

Perlet sieht einen zweiten Schönheitsfehler. „Wir als Versicherer bekommen einen strukturellen Konkurrenznachteil gegenüber den Banken“, sagte er. „Die Banken dürfen ihr Kreditrisiko zu Anschaffungskosten bewerten, während wir unser Kreditrisiko zu Marktwerten bilanzieren müssen.“ Damit würden bei Versicherern alle Veränderungen in der Bonität ihrer Schuldner, also geänderte Credit Default Spreads, sofort in die Gewinn-und-Verlust-Rechnung schwappen. „Das ist wenig einsichtig, schließlich ist unser Geschäftsmodell sehr viel langfristiger als das der Banken.“

Perlet, der nach 35 Jahren bei der Allianz – davon 17 Jahre als Bilanzchef – Ende August in den Ruhestand geht, gilt international als einer der wichtigsten Experten in Sachen Versicherungsbilanzierung. Auch bei der Erarbeitung der neuen Eigenkapitalregeln für Versicherer spielte er eine große Rolle. Sie sollen EU-weit 2013 unter dem Namen Solvency II eingeführt werden.

Perlet sagte, als Folge der Krise müsse Solvency II in einigen Punkten überarbeitet werden. „Risikobasierte Kapitalanforderungen für die Versicherer sind richtig“, sagte er. „Aber es gibt einige Elemente, die stark prozyklisch wirken.“ Bei den Banken habe man gerade gesehen, dass dies „eher als Brandbeschleuniger“ wirken kann.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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