Enttäuschte Hoffnung

Die Rückversicherer hatten mit allgemeinen Preiserhöhungen als Folge derKrise gerechnet. Die kommen nicht. Wohl aber drastische Änderungen in einzelnenSparten

 

Von Herbert Fromme

 

Die Börsianer waren zufrieden. Als am 1. Oktober der weltgrößte Rückversicherer Munich Re die Wiederaufnahme seines Anfang 2009 unterbrochenen Programms für Aktienrückkäufe bekannt gab, legte das Papier der Münchener um 0,8 Prozent zu – während der Dax 2,1 Prozent verlor. Anleger feierten den Schritt als Rückkehr zur Normalität nach der Krise. Aber die Entscheidung, für 1 Mrd. Euro eigene Papiere von Anlegern zurückzukaufen, zeigt noch etwas anderes: Die Münchener Rück sieht aktuell keine Aussichten, das überschüssige Kapital profitabel im Kerngeschäft einzusetzen.

 

Die großen Erwartungen wegen der Krise sind Ernüchterung gewichen. Eigentlich sah die Branche gute Aussichten für sich in der aktuellen Runde des alten Spiels zwischen Erst- und Rückversicherern. Die Erstversicherer verkaufen privaten, gewerblichen oder industriellen Endkunden Deckungen, die Rückversicherer übernehmen die Spitzenrisiken und stellen Ersatzkapital für Erstversicherer.

 

Zweistellige Preiserhöhungen wollte die Münchener Rück schon für 2009 durchsetzen – und musste sich mit weniger als fünf Prozent zufriedengeben. Für das Jahr 2010 können die meisten Rückversicherer froh sein, wenn sie keine Preissenkungen hinnehmen müssen.

 

Was steckt dahinter? Im Grunde drei positive Trends: Erstens haben sich die Aktienmärkte im Jahr 2009 in bemerkenswerter Weise erholt. Die Schwächung in der Kapitalbasis vieler Erstversicherer fiel deutlich milder aus als noch vor wenigen Monaten erwartet. Ihr Bedarf nach Rückdeckung und damit Bilanzstärkung ist daher nicht so ausgeprägt, wie die Anbieter angenommen hatten.

 

Zweitens hat dieselbe Entwicklung dafür gesorgt, dass die Konkurrenz unter den Rückversicherern weiterhin sehr lebendig bleibt. Auch die durch Krisenfolgen angeschlagenen Anbieter Swiss Re und XL Re haben sich wieder positioniert.

 

Drittens hat die Hurrikansaison 2009 die Branche weniger getroffen als befürchtet. Zwar ist die Zeit der Tropenstürme in der Karibik noch nicht vorbei. Ein zweistelliger Milliardenschaden im Süden der USA in den kommenden fünf Wochen könnte das Marktgeschehen dramatisch umkrempeln. Doch halten die Meteorologen ein solches Ereignis für eher unwahrscheinlich.

 

Zu Recht verweisen Rückversicherer auf Sparten mit für sie positiven Veränderungen. Das gilt für die Luftfahrtversicherung, dort ziehen die Preise an. Auch die Rückdeckung von Warenkreditrisiken bringt mehr – wenn die Anbieter sie wegen der hohen Schäden nicht deutlich zurückgefahren haben. „Doch im Brot- und Buttergeschäft wird kein Geld verdient“, klagt Arno Junke, Chef der Deutschen Rück in Düsseldorf.

 

In anderen Sparten wie der Managerhaftpflicht – der D&O-Versicherung – steigen zwar die Schadensmeldungen, nicht aber die Preise. „Ich sehe die von der Finanz- und Wirtschaftskrise berührten Deckungen wie D&O kritisch“, sagt Ludger Arnoldussen, Vorstandsmitglied der Munich Re. „Die Risiken nehmen deutlich zu, was sich bei den Preisen aber nicht so widerspiegelt. Wir zeichnen hier sehr zurückhaltend.“

 

Auch in der Autoversicherung spürt die Branche die Marktschwäche bei den Einnahmen, muss aber mit mehr Großschäden fertig werden. „Wichtig im deutschen Markt ist weiterhin die Entwicklung bei den schweren Personenschäden“, sagt Arnoldussen. „Die Versicherungswirtschaft muss Ursachen und Kostentreiber wie steigenden Pflegeaufwand in den Griff bekommen.“

 

Die Vertragsverhandlungen für das Jahr 2010 werden spannend – das wird sich in dieser Woche in Baden-Baden zeigen, wo sich alljährlich Ende Oktober Hunderte von Branchenvertretern zu Einzelverhandlungen treffen. „Wir werden sehr viele Variationen erleben, und auch einige Überraschungen“, sagt Thomas Witting, Deutschlandchef des Weltmarktzweiten Swiss Re. Die individuelle Situation der Kunden werde eine viel stärkere Rolle spielen als in früheren Verhandlungsrunden. Und auch von Sparte zu Sparte werde es deutlich heftigere Ausschläge geben, vermutet er.

 

Die meisten Chefs der fast immer weltweit agierenden Rückversicherer sind zuversichtlich, dass sie nach Jahren rückläufiger Umsätze ihren Einfluss auf lange Sicht wieder ausbauen können. Verschärfte Eigenkapitalvorschriften für die Versicherer, wie Solvency II in der EU, könnten der Branche Chancen verschaffen. Allerdings unterliegt sie denselben Regeln selbst und muss auch mit Problemen wie den niedrigen Zinsen fertig werden. Der Zuwachs könnte vor allem mittelgroßen Anbietern zugutekommen. „Die Krise sorgt dafür, dass die Erstversicherer ihren Rückversicherungseinkauf viel mehr streuen“, erklärt Denis Kessler, Chef der Pariser Scor, die Nummer fünf ist im Weltmarkt. „Wir gewinnen Marktanteile.“ Nur konsequent ist da der Schritt der Munich Re: Sie hat das Geld den Aktionären lieber zurückgegeben.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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