Versicherer uneins über Terrorproblem

Von Herbert Fromme, Köln Für mehr als 99 Prozent aller Sachversicherungsrisiken ergebe es keinen Sinn, Terrorismus-Schäden aus der Versicherungsdeckung auszuschließen. Nur für wenige exponierte Großrisiken sei ein solcher Ausschluss nötig, und nur hier ist die private Versicherungswirtschaft allein nicht in der Lage, das Problem zu lösen, glaubt Robert Pohlhausen, Vorstandsmitglied der Versicherungsgruppe Hannover (VGH). Pohlhausen ist Vorsitzender des Fachausschusses Allgemeine Sachversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Die Diskussion um die Absicherung gegen Terrorrisiken hat mit den Anschlägen in den USA vom 11. September eingesetzt. Nach Pohlhausens Ansicht können auch kleinere und mittlere Industriebetriebe von der privaten Versicherungswirtschaft gegen Terrorismus versichert werden. Das steht im klaren Gegensatz zu Äußerungen anderer Versicherer, die – wie der Chef der deutschen Axa Claus-Michael Dill – Terrorgefahren grundsätzlich aus ihren Industrieverträgen ausschließen wollen. Sie argumentieren mit fehlendem Rückversicherungsschutz.

Pohlhausen rief die Erstversicherer dazu auf, das höhere Risiko trotzdem einzugehen. Auch nach den großen Naturkatastrophen Anfang der 90er Jahre hätten sich die Unternehmen so verhalten. „Über längere Sicht wird sich die Überzeugung durchsetzen, dass in der großen Breite unserer Bestände auch analoger Rückversicherungsschutz unter Einschluss von Terrorismus gewährleistet werden kann“, sagte er auf der internen Sachversicherungstagung des GDV in der vergangenen Woche in Leipzig.

Einig ist sich die Branche in der Forderung nach staatlichen Garantien für Großrisiken, wie sie Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle gestern in einem „Handelsblatt“-Interview erneut unterstrich. Der GDV hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die einen Vorschlag für ein Terror-Pool-System erarbeiten soll.

Erste vorbereitende Gespräche mit der Berliner Regierung haben bereits stattgefunden, allerdings wird es wohl noch bis in den Dezember dauern, bis die Versicherer in der komplizierten Materie einen verhandlungsfähigen Konsensvorschlag gefunden haben. Zur Arbeitsgruppe gehören drei Rück-und drei Erstversicherer: Münchener Rück, Swiss Re, General Cologne Re, Allianz, HDI und Versicherungskammer Bayern.

Pohlhausen sagte, in weiten Bereichen ergebe die Separierung von Terrorrisiken keinen Sinn. „Das gilt insbesondere für das Privatkundengeschäft in der Hausrat-und Wohngebäudeversicherung, aber auch für das kleinsummige Gewerbegeschäft.“ Es komme darauf an, ob die versicherte Gruppe groß genug sei, Schäden auszugleichen. Auch mittlere Industriebetriebe könnten versichert werden. „Ich glaube, dass auch eine Druckerei in Nienburg an der Weser oder in Rosenheim mit einer Versicherungssumme von 30 Mio. DM zusammen mit anderen mittelständischen Risiken in Deutschland in Bezug auf das Terrorismusrisiko einen ausgleichsfähigen Bestand darstellt.“ Für mehr als 99 Prozent der Risiken ergebe Terrorausschluss daher keinen Sinn. Wenn die Branche dennoch den Ausschluss versuche, könnte es im Schadensfall zu Abgrenzungsproblemen kommen, etwa bei Brandstiftung. Da müssten dann die Versicherer mit ihren Kunden über die Motive des Täters und eine „kaum zu beweisende terroristische Logik“ diskutieren.

Durch Terrorismus gefährdet seien die Stadtzentren in den Ballungsgebieten, Flughäfen, Messen und großindustrielle Anlagen. Dieser Bestand an „nicht ausgleichsfähigen Risiken“ berge allerdings ein erhebliches Haftungspotenzial. Dafür gebe es nur sehr begrenzte Versicherungskapazität. Auch Pohlhausen tritt für einen Rückversicherungspool mit staatlicher Auffangposition ein. „Das wird aber nicht gehen, ohne dass die Versicherer selbst für diesen Pool spürbare Kapazitäten zur Verfügung stellen.“ Hier dürfe sich die Branche keinen Illusionen hingeben.

Pohlhausen sagte, Versicherer und Rückversicherer hätten die Gefahr des „Kumuls“, also des gleichzeitigen Eintretens des Versicherungsfalls bei vielen Kunden, in der Feuerversicherung bisher dramatisch unterschätzt. „Das ist die eigentliche Ursache für die Katastrophe in den Bilanzen der Versicherer nach dem 11. September.“ Anders als bei Deckungen gegen Sturm oder Überschwemmung stand bei der Feuerversicherung bisher immer das Einzelrisiko im Mittelpunkt. „Diese Betrachtungsweise ist nicht richtig“, sagte Pohlhausen.

„Möglicherweise sind die Märkte in der Lage, das Ereignis vom 11. September ohne tiefgreifende Einbrüche zu verkraften, sicher ist das nicht“, warnte er. Sicher sei allerdings, dass sie ein zweites Ereignis dieser Art nicht aushalten könnten.

Zitat:

„In weiten Bereichen macht die Separierung von Terrorismus-Risiken keinen Sinn“ – Robert Pohlhausen, Vorstand VGH.

Quelle: Financial Times Deutschland


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