Privatversicherer drängen in den Kassenmarkt

Von Ilse Schlingensiepen, Bergisch Gladbach Angesichts der steigenden Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bietet sich die private Konkurrenz als Retter in der Not an. Der Marktführer Deutsche Krankenversicherung AG (DKV) plädiert dafür, einzelne Leistungen der gesetzlichen Kassen in die private Versicherung auszulagern. Dann könnten Kassenbeiträge sinken. „Wir wollen in einem Teilgebiet als private Krankenversicherung einen Beitrag zur Senkung der Lohnnebenkosten leisten“, sagte DKV-Chef Jan Boetius.

Schon lange versuchen die Privaten, die nur einen Marktanteil von zehn Prozent haben, auch mit den rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland stärker ins Geschäft kommen. Gern verweisen sie auf das System der Niederlande: Dort muss sich privat versichern, wer mehr als 5500 Gulden im Monat verdient. Wer in Deutschland über einem Monatseinkommen von 6525 DM liegt, kann ins private System wechseln, muss aber nicht.

Die DKV verkauft ihren Vorschlag als Einsatz für das Gemeinwohl. Boetius sagte, langfristig komme die Politik nicht daran vorbei, Leistungen aus dem Angebot der gesetzlichen Kassen zu nehmen. Dann könnten nur die privaten Versicherer in die Bresche springen, glaubt der DKV-Chef. „Eine privatwirtschaftliche Betätigung der Krankenkassen scheitert am deutschen Verfassungsrecht und vor allem am Europarecht.“

Nur die Politik allein könne entscheiden, welche Leistungen aus der GKV herausfallen sollen, sagte Boetius. An konkreten Beispielen will die DKV zeigen, dass der Umstieg prinzipiell machbar ist: Zahnersatz könnte freiwillig über privat versichert werden. Das Einsparpotenzial für die GKV beziffert die DKV hier auf 3,5 Mrd. DM oder 0,4 Beitragspunkte. Eine Pflichtversicherung für private Unfälle brächte eine Entlastung um 10,5 Mrd. DM oder 1,1 Prozentpunkte.

Leistungen wie Kuren, Sehhilfen oder Verhütungsmittel müssten in Versicherungspaketen kombiniert werden. So könnte verhindert werden, dass Kunden gezielt Versicherungen abschlössen, wenn schon absehbar sei, dass sie bestimmte Leistungen benötigten.

„Wir haben als PKV ein riesiges Instrumentarium und bewährte Kalkulationsprinzipien, um solche Produkte zu gestalten“, sagte DKV-Vorstand Rainer Fürhaupter. Die Überführung von Leistungen in die PKV senke nicht nur den aktuellen Beitragssatz, sondern bedeute auch den schrittweisen Umstieg in die Kapitaldeckung, sagte er.

Für die Versicherten wird der Schutz nach dem Vorschlag zunächst teurer, nicht zuletzt weil der Arbeitgeberanteil bei der privaten Sicherung entfällt. „Die Kapitaldeckung ist nicht unbedingt billiger, aber sie ist zukunftssicherer“, sagte Boetius. Bei seinem Vorschlag sieht er zumindest schon seine Branchenkollegen hinter sich. Es sei unter ihnen unbestritten, dass das System nur saniert werden könne, wenn Teile der Leistungen zu Privaten verlagert würden.

Quelle: Financial Times Deutschland


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