Andersen feuert Enron-Prüfer

Von Rolf Lebert, Frankfurt, und Herbert Fromme, Köln Die Pleite des amerikanischen Energiekonzerns Enron hat auch die weltweit tätige Wirtschaftsprüfergesellschaft Andersen ins Zwielicht gerückt. Gestern wurden erste Konsequenzen gezogen. Andersen entließ den für Enron verantwortlichen Wirtschaftsprüfer David Duncan und beurlaubte drei weitere Prüfer. Sie sollen noch Enron-Dokumente vernichtet haben, nachdem die US-Wertpapieraufsicht SEC bereits Informationen angefordert hatte.

Seit den 80er Jahren hatte Andersen die Bücher von Enron geprüft und angeblich nichts davon bemerkt, dass der Energiehandelskonzern seine Gewinne seit 1996 um mindestens 600 Mio. $ überzeichnet hatte. Vergangene Woche hatte Andersen zugegeben, schon im Oktober damit begonnen zu haben, tausende elektronische und schriftliche Dokumente über die Buchprüfungen bei Enron zu vernichten. Sollte die SEC herausfinden, dass die Andersen-Prüfer die tatsächliche Lage Enrons vertuschen wollten, muss die Prüfgesellschaft um ihr Überleben bangen.

Der Vorgang zieht mittlerweile weite Kreise. In einem Untersuchungsausschuss des US-Senats, der die Enron-Pleite prüft, wurde schon der Verdacht laut, das Vorgehen der Andersen-Prüfer könnte einen kriminellen Hintergrund haben. In Großbritannien und den USA fachte der Fall die Diskussion über schärfere Haftungsregeln für Wirtschaftsprüfer erneut an.

Die Tätigkeit der SEC ist in diesem Fall nicht ganz unproblematisch. Ihr Vorsitzender Harvey Pitt zählte in seiner vorherigen Tätigkeit für die Anwaltskanzlei Fried. Frank, Harris, Shriver & Jacobsen auch Arthur Andersen, die Vorgängergesellschaft Andersens, zu seinen Mandanten. Pitt wurde daher von politischer Seite aufgefordert, sich aus den Untersuchungen zurückzuziehen.

Andersen selbst erklärte sich bereit, die Nachforschungen der Behörden rückhaltlos zu unterstützen. Konzernchef Joseph Berardino erklärte, wenn das Unternehmen Fehler gemacht habe, werde es dafür geradestehen. Über die Höhe möglicher Schadensersatzforderungen erboster Investoren liegen bisher noch keine verlässlichen Angaben vor. Sie können aber leicht Milliardenhöhe erreichen.

Eine Gefahr für Andersen sieht Deutschland-Chef Christoph Gross, der sich zur Zeit in New York aufhält, gleichwohl nicht. „Wir gehen davon aus, dass einiges auf uns zukommen wird. Ich bin aber fest überzeugt, dass wir das durchstehen werden“, sagte er. Gerüchte, Andersen suche angesichts der Probleme Schutz bei einem anderen Wirtschaftsprüfer, wies Gross zurück. „In einer solchen Situation spricht man nicht über Übernahmen. Wir verhandeln nicht aus einer Position der Schwäche heraus“, sagte er. Angesichts der völlig unklaren Risikolage halten es Branchenkreise auch für abwegig, dass einer der anderen großen Wirtschaftsprüfer wie KPMG, PwC, Deloitte Touch oder Ernst & Young Gelüste auf eine Übernahme Andersens verspüren könnte.

Die Versicherer beobachten die Situation genau – denn bei möglichen Schadensersatzforderungen gegen Arthur Andersen müssen sie mit hohen Zahlungen rechnen. Nach Angaben aus US-Versicherungskreisen hat das Unternehmen Versicherungsschutz von mehr als 200 Mio. $. Der Selbstbehalt, den Arthur Andersen von jedem Schaden trägt, liegt „zwischen zehn und 25 Mio. $“, sagte ein Versicherer.

Sollten dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen kriminelle Handlungen nachgewiesen werden, würden die Versicherer die Zahlung in diesen Fällen verweigern. Vorsatz, der bei kriminellen Handlungen vorliegt, ist vom Versicherungsschutz ausgeschlossen. „Trotzdem gibt es dann noch genügend Punkte, an denen es nur um fahrlässiges Handeln geht. Dafür müssten die Versicherer dann doch eintreten“, sagte der Manager.

Es wird sich wohl um einen der teuersten Schäden in der Wirtschaftsprüfer-Haftpflichtversicherung handeln. Die Branche kennt schon andere Megaschäden aus diesem Bereich: Im Mai 1999 einigten sich Coopers & Lybrand mit dem Konkursverwalter der bankrotten britischen Maxwell-Gruppe auf 108 Mio. $ Schadensersatz, die größtenteils von Versicherern gezahlt wurden.

Im Dezember desselben Jahres zahlte Ernst & Young sogar 335 Mio. $ nach einem Vergleich, weil es gefälschte Bilanzen des Cendant-Konzerns abgesegnet hatte. In Deutschland einigte sich die Wirtschaftsprüfer von KPMG im Mai 2001 mit Opfern der Flowtex-Pleite auf die Zahlung von 100 Mio. DM, der bislang höchsten Zahlung in Deutschland.

Zitat:

„Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das durchstehen werden“ – Christoph Gross, Andersen Deutschland

Kommentar Seite 27.

Quelle: Financial Times Deutschland


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