Neue Zweifel belasten Versicherer

Von Herbert Fromme, Köln, und Dirk Benninghoff, Frankfurt Die US-Investmentbank Morgan Stanley verstärkte gestern die Zweifel vieler Anleger an Versicherungswerten. Die Londoner Analysten der Gruppe veröffentlichten eine 188-seitige Studie über den europäischen Versicherungsmarkt. Dabei änderten sie ihr Gesamturteil über den Sektor von „marktgewichten“ (In-Line) auf „untergewichten“ (Cautious).

Die Kurse der Versicherer gerieten nach der Veröffentlichung massiv unter Druck. Der Branchenindex war mit einem Minus von 3,6 Prozent der schlechteste unter den europäischen Stoxx-Indizes. Axa verloren 5,3 Prozent, Münchener Rück 4,3 Prozent, Allianz 2,5 Prozent und Zurich Financial sogar 11,1 Prozent. Die Aktie des Schweizer Finanzkonzerns wurde gestern wie erwartet aus dem europäischen Stoxx-Index ausgeschlossen. Außerdem gibt es Spekulationen über eine Kapitalerhöhung von 2,5 Mrd. $. Beides belastete den Kurs wenige Tage vor den Halbjahreszahlen am Donnerstag zusätzlich.

Einige Händler warnten davor, dem Kurssturz der Versicherer zu hohe Bedeutung beizumessen. „Die Umsätze sind extrem schwach, da können schon kleine Orders große Schwankungen auslösen“, sagte Christian Schmidt von der Helaba.

Morgan Stanleys Versicherungsanalystenteam unter der Leitung von Rob Procter sieht die Abhängigkeit der Versicherer von den Aktienmärkten kritisch. „Wir halten die Risiken für unausgewogen. Wenn die Kapitalmärkte anziehen, wird es dem Sektor besser gehen. Wenn das aber nicht geschieht, kommt es wohl unausweichlich zu einer radikalen Umstrukturierung wegen der ungenügenden Kapitalausstattung“, heißt es in der Studie. „Das wird für die einfachen Aktionäre keine fröhliche Angelegenheit.“

Die Versicherer hätten durch die gigantische Übernahmewelle der letzten drei Jahre, bei der 224 Mrd. Euro eingesetzt wurden, ihr Sachkapital (tangible equity capital) um 45 Prozent auf 82 Mrd. Euro reduziert – und stattdessen überhöhte Firmenwerte und abzuschreibende Abschlusskosten in ihren Büchern.

Die Managementteams europäischer Versicherer wetten in großem Stil auf steigende Aktienmärkte, kritisiert Morgan Stanley. „Besorgnis erregend“ sei die Tatsache, dass sie 1254 Mrd. Euro in Aktien investiert haben. „Das sind 30 Prozent der Gesamtanlagen, verglichen mit vier Prozent in den USA.“ Offenbar gingen europäische Versicherer davon aus, dass die Aktienmärkte wieder steigen, die Möglichkeit einer länger andauernden Schwächephase zögen sie nicht in Betracht.

In diesem Szenario empfehlen die Analysten vor allem Swiss Re, ING, Fortis und Generali. Von der Allianz verlangen sie „direktere Schritte“, um sich vom Investmentbanking der Dresdner Bank zu verabschieden. Bei der Münchener Rück schmeckt ihnen die Mischung aus der Rück-und Erstversicherung nicht.

Zitat:

„Wir halten die Risiken der Branche für unausgewogen“ – Versicherungsanalysten von Morgan Stanley

Quelle: Financial Times Deutschland


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