Autokatastrophen zwingen Branche zum Umdenken

Von Herbert Fromme, Köln Das Dorf Great Heck liegt nicht weit von der Kleinstadt Selby in Nord-Yorkshire, etwa 320 Kilometer nordöstlich von London. In Great Heck kam es am 28. Februar 2001 zu einem der folgenschwersten Autounfälle der Geschichte.

Der völlig übermüdete Gary Hart schlief am Steuer seines Landrovers ein. Der Wagen kam von der Fahrbahn ab und stürzte auf die Gleise der Ostküsten-Hauptstrecke. Hart blieb unverletzt. Während er mit seinem Handy den Notfalldienst anrief, raste ein Schnellzug in den Landrover, entgleiste und stieß mit einem entgegenkommenden Güterzug zusammen. Vier Eisenbahner und sechs Passagiere starben, 76 wurden schwer verletzt.

Gary Hart, der in den 24 Stunden vor dem Unfall nur eine Stunde geschlafen hatte, wurde zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Aufkommen für den Schaden muss die Haftpflichtversicherung des Landrover, die britische Tochter der belgisch-niederländischen Fortis-Gruppe. Er dürfte deutlich über 30 Mio. Euro liegen. Die genaue Höhe ist deshalb noch unbekannt, weil sich Versicherer und Geschädigte vor Gericht gegenüberstehen – allein die die britische Eisenbahnschienen-Verwaltung Railtrack verlangt 11 Mio. £ (18 Mio. Euro) von Fortis.

Terrorschäden unkalkulierbar

Der Selby-Unfall ist einer der Gründe dafür, dass die deutschen Versicherer für neue Verträge seit dem 1. Oktober die so genannte Illimité-Deckung abgeschafft haben, die unbegrenzte Haftung bei geschädigten dritten Parteien. Das Terrorismusrisiko ist ein zweiter Grund. Denn für die Assekuranz ist ein möglicher Schaden, den ein Terrorist mit einem gestohlenen Fahrzeug anrichtet, unkalkulierbar. Die Versicherer dürfen aber Terrorschäden aus den Autoversicherungspolicen nicht komplett ausschließen. Gleichzeitig finden sie bei den Rückversicherern keine Deckung dafür, schon gar nicht in unbegrenzter Höhe. Deshalb haben sie jetzt die Höchstdeckung in der Kfz-Haftpflicht auf 50 Mio. Euro begrenzt.

„Auch in Deutschland gibt es spektakuläre Autoschäden mit sehr hohen Schadensummen“, berichtet Achim Bosch, Abteilungsdirektor beim Rückversicherer General Cologne Re. Ein defekter Tanklastwagen raste im Juli 1987 in eine Eisdiele in Herborn, fünf Menschen starben. Der Schaden betrug mehr als 16 Mio. DM. „Es gibt Szenarien, nach denen noch deutlich höhere Schäden möglich sind, etwa ein von einem Pkw verursachtes Feuer“, sagte Heinz-Jürgen Klemmt, Direktor bei der General Cologne Re. Es gehört zum Beruf der Rückversicherer, sich über fürchterliche Großschäden Gedanken zu machen. Schließlich kaufen Autoversicherer Rückdeckungen genau für solche Spitzenbelastungen. Dabei muss es allerdings nicht unbedingt eine blutige Katastrophe oder ein Hurrikan sein. Ein simpler Hagelschauer kann zu Millionenschäden führen, weil die Karosserie von Tausenden von Pkws beschädigt wird. „Vor allem in der Kaskoversicherung erleben wir in diesem Jahr eine deutliche Verschlechterung. Stürme und vor allem Hagelschläge in den Sommermonaten haben zu sehr hohen Schadenbelastungen geführt“, sagte Bosch. Da stehen die Flutereignisse, bei denen auch zahlreiche Pkw beschädigt wurden, in ihren Auswirkungen auf die Autoversicherer zurück.

Druck auf Erstversicherer

„Die Sturm-und Hagelschäden passierten in einem ohnehin schadenträchtigen Jahr“, sagte Bosch. Die Rückversicherer machen deshalb Druck bei den Erstversicherern, die Preise zu erhöhen. „Insgesamt haben wir in der Autoversicherung eine steigende Schadenhäufigkeit mit höherem Schadendurchschnitt“, sagte er. „Das Gesamtergebnis für den Markt ist defizitär.“ In der Haftpflichtversicherung, die Schäden an Dritten deckt, sei die Situation zwar nicht so schlimm wie in der Kaskoversicherung. Aber insgesamt sei ein Anstieg nötig, glaubt Bosch.

Die Rückversicherer üben einen bedeutenden Einfluss aus. Von den 22 Mrd. Euro, die deutsche Autofahrer jährlich für die Versicherung ihrer Fahrzeuge ausgeben, reichen die Erstversicherer 21 Prozent für Rückdeckungen weiter. In dieser Zahl ist auch die konzerninterne Rückdeckung enthalten, etwa innerhalb der Allianz-Gruppe. Trotzdem macht das Autogeschäft einen bedeutenden Teil der Rückversicherer-Einnahmen aus. Mit 607 Mio. Euro Prämien weltweit ist die General Cologne Re einer der führenden Marktteilnehmer in diesem Feld. „Jahrelang sind die Rückversicherer auf der allgemeinen Welle mitgeschwommen. Aber jetzt müssen wir sorgfältiger prüfen, ob uns die Preise und Bedingungen schmecken“, sagte Bosch.

Im Jahr 2001 stiegen die Prämien um 4,7 Prozent. Für 2002 erwatet Bosch in der Haftpflichtversicherung einen Anstieg der Prämieneinnahmen um nur 1,5 Prozent auf etwa 13,6 Mrd. Euro, in Voll-und Teilkasko von 2,8 Prozent auf 8,4 Mrd. Euro.

Die General Cologne Re hat einen guten Überblick über die Marktsituation. Sie führt umfangreiche Statistiken über Schadenshäufigkeiten und – höhen, gegliedert nach zahlreichen Kriterien bei Fahrern und Fahrzeugen. Nur mit diesen Datenbeständen können kleinere Versicherer statistisch valide Vorhersagen über den Schadenverlauf machen, die sie als Basis ihrer Kalkulation brauchen. Nur so kann eine Gesellschaft mit wenigen Zehntausend Risiken mit den Marktführern wie Allianz, HUK-Coburg und LVM mithalten, die Millionenbestände verwalten und deshalb genug Daten zur Tarifberechnung im eigenen Haus haben.

Rehabilitation für Unfallopfer

Auch im Schadensfall spielen die Rückversicherer eine große Rolle. „Wir betreiben seit 1996 einen Rehabilitationsdienst“, erläuterte Klemmt. Dabei geht es um schwer verletzte und behinderte Unfallopfer. „Der Reha-Dienst hilft bei der Suche nach den richtigen Ärzten und Reha-Kliniken, dem Umbau des Hauses, vermittelt psychologische Beratung, unterstützt bei der Jobsuche“, so Klemmt. Seit 1996 nahmen 2600 Unfallopfer den Dienst in Anspruch.

Eingeschaltet wird er vom Erstversicherer. „Das nutzt allen Beteiligten“, sagte Achim Bosch. Das Opfer sei besser versorgt, in der Regel reduzierten sich die Ausgaben der Versicherer und Rückversicherer. Die Zahl der schwer behinderten Unfallopfer steigt kräftig an, weil durch Gurte, Airbags und andere Sicherheitsmaßnahmen die Überlebenschancen steigen. Personenschäden, vor allem der Schadensersatz bei Behinderungen, gehören deshalb zu den am schnellsten wachsenden Schadenkategorien der Assekuranz.

Quelle: Financial Times Deutschland


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