Gerling löst Rückversicherer auf

Von Herbert Fromme, Köln Die Gerling Globale Rück (GGR), Nummer sechs im Weltmarkt für Rückversicherung, wird das Schaden-und Unfallgeschäft wie erwartet einstellen. Der Geschäftszweig soll in die Abwicklung (Run-off) gegeben werden, erklärte Konzernchef Heinrich Focke am Freitag vor Gerling-Aufsichtsräten und leitenden Mitarbeitern.

Die Abwicklung heißt nicht, dass die GGR insolvent ist. Sie akzeptiert kein Neugeschäft mehr, zahlt aber weiter die anfallenden Schäden aus den Rückstellungen. Die Kunden müssen neue Rückversicherungsdeckungen finden. Einige machen sich Sorgen, weil sie die langjährigen Geschäftsbeziehungen mit der GGR, die durch hohe Schadenreserven beim Rückversicherer unterlegt waren, jetzt mit neuen Partnern wieder aufbauen müssen.

Das Lebens-Rückversicherungsgeschäft, das 25 Prozent des GGR-Prämienvolumens von 5,85 Mrd. Euro ausmacht, wird herausgelöst und in eine neue Gesellschaft überführt. Die will der Konzern entweder weiterführen oder mit Gewinn verkaufen.

Es werde in Deutschland nur zu 50 bis 80 Stellenstreichungen kommen, weltweit aber zu deutlich mehr, hieß es im Konzern. Anfang des Jahres beschäftigte die GGR-Gruppe 1221 Mitarbeiter. Jetzt sind es unter 1000, davon 340 in Deutschland.

Der Gerling-Konzern hatte in den letzten Monaten vergeblich einen Käufer für die defizitäre GGR gesucht. Mehrere Gerling-Manager äußerten sich kritisch über die Deutsche Bank, die den Verkaufsprozess des Rückversicherers begleitete. „Es gab sehr ernsthafte Interessenten, die aber wegen des eher dilettantischen Vorgehens der Deutschen Bank gar nicht zum Zuge kamen.“ Andere widersprachen: Die Bank habe sehr weitreichende Kreditzusagen an die Scor gemacht, um der französischen Gesellschaft bei der (letztendlich gescheiterten) Übernahme der GGR zu helfen.

Nach der Entscheidung über den Rückversicherer forcieren die beiden Gerling-Aktionäre Rolf Gerling (65,5 Prozent) und Deutsche Bank (34,5 Prozent) den Verkauf der gesamten Gruppe. Einer der Interessenten ist der Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI), der Gerling-Bereiche mit eigenen zusammenlegen will. Dafür sollen die Gerling-Eigner Aktien der Zwischenholding Talanx erhalten, die später an die Börse gebracht werden soll.

Die HDI-Lösung sei nur eine von mehreren Möglichkeiten, hieß es. Bei HDI-Chef Wolf-Dieter Baumgartl sei das Interesse größer als bei den beiden Gerling-Aktionären. Neben dem HDI gebe es mehrere ernsthafte Interessenten, darunter große US-Investoren, mit denen verhandelt werde.

Gerling und HDI hatten in der vergangenen Woche eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnet. Heute wollen die beiden Unternehmen die Datenräume öffnen, also gegenseitig die innersten Geschäftsvorgänge offen legen.

HDI-Chef Baumgartl setzt bei dem geplanten Deal auf direkte Unterstützung durch die deutsche Industrie, die ein starkes Interesse am Fortbestehen des Industrieversicherers Gerling hat. Die BASF hatte im Frühjahr mehrere Unternehmen zusammengebracht und für eine mögliche Gerling-Rettung Zusagen von bis zu 500 Mio. Euro eingesammelt, die Baumgartl jetzt mobilisieren will.

Quelle: Financial Times Deutschland


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