Allianz liebäugelt mit Übernahmen

Konzernvorstand Reiner Hagemann unterstreicht im FTD-Interview Bedeutung des Vertriebs für den Versicherer

Von Herbert Fromme und Sven Clausen, München Der Allianz-Konzern wird eine aktive Rolle in der anstehenden Umstrukturierung des deutschen Versicherungsmarktes spielen. „Übernahmen und Zukäufe schließen wir nicht aus“, sagte Allianz-Konzernvorstand Reiner Hagemann, der als Chef der Allianz Versicherung für das deutsche Sachgeschäft zuständig ist.

„Wir schauen uns Unternehmen, die angeboten werden, genau an“, sagte Hagemann im Interview mit der Financial Times Deutschland. Bei Zukäufen erwartet die Allianz, die zur Zeit 18 Prozent des Marktes hält, keine Probleme mit dem Kartellamt. Es gebe keine Tabus. Neben den Finanzzahlen der Versicherer sei wichtig, ob die Allianz stabile Vertriebskapazität hinzugewinnen könne. „Das sind die entscheidenden Parameter für uns.“ Allerdings habe die 2002 nach sechs Jahren abgeschlossene Integration der Vereinte-Gruppe gezeigt, wie hoch der Aufwand sei.

Im Vertrieb setzt die Allianz vor allem auf die Stärkung des selbstständigen Außendienstes – rund 12 000 haupt-und 35 000 nebenberufliche Vermittler vertreiben Allianz-Policen, Lebensversicherungen und Fondssparpläne des Dit vor allem an Privatkunden. Über die Schalter der Tochter Dresdner Bank verkauft die Allianz neben Lebensversicherungen und Riester-Verträgen in erster Linie Unfallpolicen. „Die Zahl der über die Bank abgesetzten Verträge im Schaden-und Unfallbereich ist von 17 000 auf 63 000 gestiegen“, sagte Hagemann.

Die Hoffnungen auf Synergien mit der Bank im Firmengeschäft müssen sich erst noch erfüllen. „Bei der betrieblichen Altersversorgung läuft es sehr gut, aber bei Sachversicherungen braucht man Zeit.“ Im Moment erhöhe die Allianz hier die Preise, da könne man Firmenkunden nur schwer für den Wechsel begeistern.

Trotz der hohen Belastung von 770 Mio. Euro allein aus der Sommerflut und weiterer Millionenlasten aus Sturmschäden kann Hagemann im März bei der Vorstellung der Bilanz der inländischen Sachgruppe wohl erneut einen soliden Gewinn ausweisen. Dazu tragen schon bekannte Sondererträge bei, die vor allem aus dem Beteiligungstausch von Allianz und Münchener Rück stammen, aber auch das eigentliche Versicherungsgeschäft. „Wir haben verlustbringende Bereiche kräftig saniert“, sagte Hagemann. Das gelte vor allem für die defizitäre Autoversicherung von Firmen, das Flottengeschäft. Deshalb sei die Zahl der versicherten Fahrzeuge wieder unter neun Millionen gefallen. „Das stört mich nicht. Im Privatkundengeschäft haben wir zugelegt.“

Einzelheiten zu den Geschäftszahlen will Hagemann noch nicht nennen. Aber er betont, dass selbst die Börsenbaisse die Sachgruppe weniger trifft als andere. „Wir haben immer noch stille Reserven von 20 Prozent auf unsere Aktienbestände.“ Das sei zwar ein erheblicher Rückgang gegenüber 50 Prozent Ende 2001, aber besser als der Markt.

Die Sachgruppe ist trotzdem nicht die Insel der Seligen in der schweren See des Allianz-Konzerns. Der Verfall des Aktienkurses, die Probleme mit der Dresdner Bank und der Rücktritt von Konzernchef Henning Schulte-Noelle spielen eine große Rolle. „Die Stimmung ist deutlich gedämpft“, sagte Hagemann. „Das geht an keinem vorbei. Viele Mitarbeiter haben Allianz-Aktien gekauft, manche machen uns Vorwürfe.“

Hagemann wünscht sich „mehr Rückenwind vom Konzern“. „Ich bin aber mit Herrn Schulte-Noelle der Ansicht, dass wir das Schlimmste hinter uns haben.“ Positiv bewertet Hagemann – dem Insider selbst Ambitionen auf den Chefsessel nachgesagt haben -, dass der designierte Allianz-Chef Michael Diekmann aus der Versicherungsseite des Allfinanzkonzerns kommt. „Viele kennen ihn aus seiner Zeit in Hamburg und Köln. Da gibt es ein wenig Stolz in der Organisation, dass ein Versicherer an die Spitze berufen wurde.“

Zitat:

„Viele Mitarbeiter haben Allianz-Aktien gekauft, manche machen uns Vorwürfe“

„Finanzzahlen und Vertriebskapazität sind die entscheidenden Parameter“ – Hagemann über Zukäufe

Bild(er):

Allianz-Vorstand Reiner Hagemann leitet das deutsche Sachgeschäft – Daniel Hintersteiner (2).

Quelle: Financial Times Deutschland


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