Der Kleinbetrieb wird zum Sorgenkind

Versicherer vernachlässigen bei der betrieblichen Altersversorgung kleinere Firmen “ Produkte müssen einfacher werden

Von Anja Krüger Die betriebliche Altersvorsorge gewinnt an Fahrt, aber die Anbieter der Produkte konzentrieren sich zu sehr auf große Firmen. Viele kleinere Unternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten fühlen sich von den Finanzdienstleistern unzureichend unterstützt und halten die Angebote für zu teuer, zu verwaltungsaufwändig und zu kompliziert. Das geht aus einer Befragung von 300 Unternehmen hervor, die das Kölner Marktforschungsinstitut Psychonomics im Auftrag der Gothaer Lebensversicherung durchgeführt hat.

Seit 2002 hat jeder Beschäftigte einen Rechtsanspruch auf betriebliche Altersversorgung. Das bedeutet: Jeder Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass seine Mitarbeiter Teile ihres Bruttogehaltes in einen Vertrag zur Altersvorsorge fließen lassen können. Der Arbeitgeber ist nicht verpflichtet, Geld beizusteuern. Er darf bestimmen, bei welchem Anbieter der Vertrag abgeschlossen wird.

Bislang haben sich schätzungsweise zwei Millionen Beschäftigte für eine betriebliche Altersversorgung entschieden, wie sie die Rentenreform vorsieht. „Die Sorgenkinder in der betrieblichen Altersversorgung sind die kleinen Unternehmen bis 50 Mitarbeiter“, sagte Lorenz Hanelt, Prokurist der Gothaer Lebensversicherung. Die Hälfte der im Auftrag seines Unternehmens befragten Kleinunternehmen fühlt sich von den Anbietern vernachlässigt und hat Vorbehalte gegen die betriebliche Altersversorgung in der eigenen Firma. 62 Prozent dieser Firmen halten die Angebote für zu teuer, 82 Prozent finden sie zu kompliziert. Von den befragten mittleren und großen Unternehmen dagegen sind mehr als zwei Drittel mit der Unterstützung der Finanzdienstleister zufrieden.

Der Markt ist für die Anbieter schwer zu erschließen, weil sie zuerst den Arbeitgeber für einen Rahmenvertrag gewinnen und dann den einzelnen Beschäftigten das Produkt verkaufen müssen. Haben die Firmen Rahmenverträge abgeschlossen, gewinnen die Anbieter im Durchschnitt 10 bis 15 Prozent der Mitarbeiter für die betriebliche Altersversorgung, berichtete Hanelt. „Man kann durchaus 30 bis 40 Prozent erreichen, aber nur bei intensiver Beratung.“

Genau die ist aber problematisch für die Anbieter. Die Gespräche sind angesichts der komplizierten Materie aufwändig, gleichzeitig sind die Margen gering. „Die betriebliche Altersversorgung wird nur ein Erfolg, wenn die Produkte einfacher und transparenter werden“, glaubt deshalb Gothaer-Leben-Vorstand Martin Wagener. Auch beim Verkauf wird sich einiges ändern müssen. Denn durch die staatlich geförderten Altersvorsorgeprodukte fällt anderes Geschäft weg, vor allem die wegen der hohen Provisionen bei Vertretern beliebten Kapitallebensversicherungen. „Wir werden die Vertriebe rigoros umbauen müssen“, sagte Wagener. Denkbar sei zum Beispiel, Mitarbeiter nach dem Franchise-Prinzip mit festen Verkaufskonzepten einzusetzen. Der Beratungsaufwand ist auch deshalb so hoch, weil die Produktpalette so breit ist. Arbeitgeber können sich aussuchen, ob sie ihren Beschäftigten eine Direktversicherung, eine Pensionskasse oder einen Pensionsfonds anbieten. Eine Direktversicherung ist im Prinzip eine Lebensversicherung, die der Arbeitgeber für den Beschäftigten abschließt und die auf Rentenbasis ausgezahlt wird. Pensionskassen und Pensionsfonds sind selbstständige Versorgungseinrichtungen, wobei Pensionsfonds mehr Kapital in Aktien investieren dürfen.

Entscheidet sich der Arbeitgeber für Pensionskasse oder Pensionsfonds, müssen weder er noch die Beschäftigten bis 2008 auf die Beiträge Sozialabgaben zahlen. Für einen Pensionsfonds muss der Arbeitgeber allerdings Beiträge zum Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) entrichten, für eine Pensionskasse nicht. Denn sie unterliegt derselben Aufsicht wie eine Lebensversicherung, das ist Sicherheit genug, glaubt der Gesetzgeber. Die Versicherungswirtschaft berät im Moment, ob die für Not leidende Lebensversicherungen geschaffene Auffanggesellschaft Protektor auch für Pensionskassen zuständig sein soll.

Pensionsfonds gibt es in Deutschland erst seit der Rentenreform, sie galten als Hoffnungsträger der betrieblichen Altersversorgung. Bisher haben sie allerdings die Erwartungen nicht erfüllt. „Das Rennen machen die Pensionskassen“, sagte Dieter Joeres, Vorstand des Industrie Pensions Vereins, einer Einrichtung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie.

Das liegt nicht nur am Absturz der Börsen. „Viele Arbeitgeber scheuen den Pensionsfonds wegen der PSV-Beiträge“, berichtete er. Die Branche und Verbände der Wirtschaft diskutieren verschiedene Lösungen für dieses Problem. Ins Gespräch gebracht wurde die Absenkung der Beitragsbemessungsgrundlage für Pensionsfonds von 100 auf 20 Prozent des abzusichernden Kapitals. Möglich wäre umgekehrt auch die Einführung einer PSV-Pflicht für Pensionskassen. Einig ist sich die Wirtschaft bei einer Forderung, sagte Joeres. „Die Befreiung von den Sozialversicherungsbeiträgen für Pensionskassen und Pensionsfonds sollte über das Jahr 2008 hinaus festgeschrieben werden.“

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Dass Betriebsrenten wie die von Enron verloren gehen, ist bei deutschen Pensionsfonds nicht möglich. Aber für die Sicherheit zahlen die Arbeitgeber – AP.

 

Quelle: Financial Times Deutschland


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