Gerling-Kunden gehen auf die Barrikaden

Depotstellung verlangt “ Gericht gestattet Verkauf an Achim Kann “ Zukunft weiter ungewiss

Von Herbert Fromme, Köln Mehrere deutsche Erstversicherer, die Kunden der in Abwicklung befindlichen Gerling Globale Rück (GGR) sind, haben neue Ansprüche gegen den Rückversicherer gestellt. Sie verlangen nach Informationen der FTD die Übergabe von Bardepots, die den bei der GGR verbliebenen Schadenreserven für mögliche Ansprüche der Kunden entsprechen.

Der Schritt überschattet die Erleichterung bei Gerling über die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Frankfurt/Main, die dem Konzern den Verkauf der GGR an den Manager Achim Kann trotz des Verbots durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) erlaubt.

Die verärgerten GGR-Kunden berufen sich auf eine Vertragsklausel, nach denen der Kunde einen Rückversicherungsvertrag sofort kündigen und eine entsprechende Depotstellung verlangen kann, wenn bei dem Rückversicherer die Hälfte des Eigenkapitals verloren ist. Das ist bei der GGR der Fall. Am 10. März teilte die Gruppe per Adhoc-Meldung mit: „Gerling Rück hat den Verlust der Hälfte des Grundkapitals festgestellt.“

Die Klausel ist in zahlreichen Rückversicherungsverträgen enthalten. GGR-Vorstandsmitglied Volker Weisbrodt sagte, bei dem Unternehmen seien bisher keine Ansprüche eingegangen, die er für juristisch begründet hält. Weitere Auseinandersetzungen will er nicht ausschließen.

Die tief defizitäre GGR mit ihrem Hauptgeschäftsfeld Schaden-und Unfall-Rückversicherung wird seit Oktober 2002 abgewickelt. Das Unternehmen nimmt kein neues Geschäft mehr an und versucht, bestehende Verträge durch so genannte Kommutationen umzuwandeln. Dabei werden Schadenrückstellungen für kommende Jahre, die der Rückversicherer aufgebaut hat, zum Teil an den Kunden ausgezahlt. Im Gegenzug verzichtet der Kunde auf alle Ansprüche gegen die GGR. Der Kölner Versicherer DEVK, der größte Kunde der GGR, erhielt nach Marktinformationen von den 400 Mio. Euro Schadenreserven etwa 240 Mio. Euro ausgezahlt.

Die Holding versucht seit Dezember, die GGR mit ihren sehr großen Risiken vor allem in den USA aus ihrer Bilanz zu bekommen. Sonst wird der von ihren Aktionären Rolf Gerling, der 65,5 Prozent hält, und Deutsche Bank betriebene Verkauf des Konzerns noch schwieriger. Deshalb wurde die GGR zum 1. Januar 2003 an den früheren Frankona-Chef Achim Kann verkauft. Der Kaufpreis aus einem Sockelbetrag von 200 Mio. Euro plus Erträgen aus der Abwicklung wurde Kann bis mindestens 2007 gestundet. Am 25. Februar hatte die BAFin den Verkauf untersagt. Sie berief sich dabei auf den Paragrafen 104 des Versicherungsaufsichtsgesetzes, nach der die BAFin Erwerber von Versicherern überprüfen kann. Den Ansprüchen, die im Interesse einer soliden Führung eines Versicherers zu stellen seien, genüge Kann nicht.

Das Verwaltungsgericht Frankfurt hat das Verbot am Freitag aufgehoben. Der Paragraf 104 gelte nicht für Rückversicherer. Nach Ansicht des Gerichts unterliegt der Erwerb von Rückversicherern nach der heutigen Gesetzeslage keiner Aufsicht. Die BAFin prüft, ob sie Beschwerde gegen den Beschluss einlegen wird, sagte eine Sprecherin.

Der Gerling-Konzern will den Verkauf an Achim Kann – der seit dem 1. Januar schon Vorstandschef der GGR ist – trotz des positiven Gerichtsentscheids nicht sofort vollziehen, sondern Stellungnahmen der Versicherungsaufseher in Großbritannien und den USA abwarten. Gegen deren Votum wäre der Verkauf sehr schwer durchzusetzen.

Auf jeden Fall gibt der Gerichtsentscheid Gerling und seinen Aktionären Luft in den diversen Verkaufsverhandlungen. Der HDI in Hannover hat ein Angebot für den Industrieversicherer Gerling Allgemeine und den Lebensversicherer Gerling Leben abgegeben. Ebenfalls Interesse zeigen Private-Equity-Firmen, darunter die Axcit Capital Management in Frankfurt, zu der die US-Finanzgruppe Texas Pacific gehört.

Allerdings sei das Interesse bei Axcit an einer Gesamtlösung für den Konzern inzwischen „deutlich geringer“ als noch vor zwei Wochen, sagte ein Insider. „Im Moment geht es eher um die Übernahme einzelner Teile.“ Ein großes Problem scheint der hohe Abschreibungsbedarf bei der Gerling Leben zu sein. Über den Kreditversicherer Gerling NCM verhandelt der Konzern mit der Swiss Re, die bereits 25 Prozent hält. Das Due-Diligence-Verfahren wurde in der vergangenen Woche abgeschlossen.

Dass die Gerling-Gruppe überhaupt noch besteht, hat sie im wesentlichen ihren loyalen Kunden in der Industrie zu verdanken. So platzierte der Bayer-Konzern sein Feuerversicherungsprogramm, das zum 1. April fällig wird, für ein weiteres Jahr bei einem Konsortium unter Gerling-Führung. „Bei lang laufenden Haftpflichtrisiken wäre das nicht so einfach gewesen“, sagte ein Makler. Da sei es fast unmöglich, Geschäft bei Gerling zu platzieren. Eine Lösung der Krise bei dem Unternehmen werde immer dringlicher.

Bild(er):

Wappen an der Gerling Zentrale – nicht länger eine feste Burg – Jürgen Schwarz.

Quelle: Financial Times Deutschland


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