Der schnelle Weg in den Untergang

Von Herbert Fromme und Anja Krüger, Köln Die Geschichte der Mannheimer ist die eines weitreichenden Unternehmensumbaus, der gründlich daneben ging. Die Chronologie eines Untergangs:

Die Mannheimer wird 1879 gegründet und etabliert sich rasch als Transport-und Industrieversicherer. 1987 wird der Psychologe Hans Schreiber Vorstandsvorsitzender der Mannheimer Holding – nach Stationen bei IBM, Allianz und Nordstern. Der ehrgeizige Manager baut das Unternehmen vom kleinen Gewerbe-zum bedeutenden Privatkundenversicherer um.

1994 schreibt die Mannheimer zum ersten Mal mehr Geschäft im lukrativeren Privatkundensektor als mit Industrie und Gewerbe.

Zwei Jahre später beschließt das Unternehmen, groß ins Geschäft mit Lebens-und Krankenversicherungen einzusteigen. Dabei setzt es auf Aktien, um ähnlich hohe Zinsversprechungen wie die etablierte Konkurrenz machen zu können. Die Aktienquote der Mannheimer Leben bei den Kapitalanlagen liegt 1996 bei 12,4 Prozent und wird bis 2000 auf mehr als 20 Prozent hochgefahren. Im September 2002 steigt die Mannheimer in den MDax auf.

Mitte 2002 investiert Schreiber noch einmal kräftig in Aktien, weil er an einen baldigen Anstieg der Börse glaubt. Das Gegenteil tritt ein. Das Jahr 2002 verläuft katastrophal: Der Konzern muss 138 Mio. Euro auf Aktien abschreiben und stille Lasten von 232 Mio. Euro in das Jahr 2003 mitnehmen. Die Mannheimer Leben verbucht einen Verlust von 60 Mio. Euro, der Konzern von 50 Mio. Euro.

Schon im November 2002 muss das Unternehmen das Neugeschäft in der Kapital-Lebensversicherung einstellen. Schreiber kündigt an, dass man den Kunden ab 2003 nur noch den Garantiezins zahlen wird.

In seiner gesamten Amtszeit hat Schreiber dafür gesorgt, dass die Aktionärsstruktur der Mannheimer zersplittert bleibt. Zuletzt halten die österreichische Uniqa 13 Prozent, die Münchener Rück zehn Prozent, sechs weitere Versicherer jeweils weniger als fünf Prozent. „Uns kann niemand übernehmen“, sagt Schreiber noch 2002. Das stimmt – aber in der Not will auch niemand helfen. Im Januar 2003 muss Schreiber das Ende der Selbstständigkeit eingestehen. Er kündigt die „Prüfung aller strategischen Optionen wie Teilverkauf, Verkauf oder Fusion“ an. Dabei verhandelt er ausschließlich mit der Uniqa, die aber absagt. Die Mannheimer Holding streicht die Dividende.

Im März 2003 erhält die Kölner Bank Oppenheim das Mandat, Interessenten für die Gruppe zu suchen, die im ersten Quartal 2003 einen Rekordverlust von 63,6 Mio. Euro nach Steuern einfährt.

Im April 2003 schaltet sich der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit einer Lösung ein: Kapitalerhöhung von 130 Mio. Euro, die von GDV-Mitgliedern getragen wird, plus 170 Mio.Euro Darlehen von Rückversicherern. Schreiber stellt das Modell zusammen mit Münchener Rück und GDV der BaFin vor – die Finanzaufsicht will mehr Bargeld und weniger Darlehen.

Am 13. Juni tritt Schreiber auf Druck der BaFin zurück. Am 16. Juni beschließen Präsidium und Hauptausschuss Lebensversicherung des GDV eine beispiellose Rettungsaktion. Sie wollen die Mannheimer mit 370 Mio. Euro stützen. Die Lebensversicherer sollen das Geld entsprechend ihres Marktanteils zahlen. Am 25. Juni wird das Modell von mehr als zehn Prozent der Mitglieder abgelehnt und scheitert damit – die Mannheimer steht vor der Insolvenz.

Zitat:

„Uns kann niemand übernehmen“ – Mannheimer-Chef Hans Schreiber im Jahr 2002.

Quelle: Financial Times Deutschland


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