Fahrt ins Ungewisse

Mit dem Börsencrash sind die Lebensversicherer in die Krise gerutscht. Dem Absturz der Mannheimer könnten weitere folgen, die garantierten Renditen für die Versicherten dürften nicht mehr lange zu halten sein

Von Herbert Fromme, Köln Vorstandschef Günter Bost brauchte bislang kein Büro. Auch kein Telefon, kein Fax und keine Visitenkarten. Eigentlich hatten Bost, sein Vorstandskollege und der Aufsichtsrat der Protektor AG gehofft, dass sie ihr Amtniemals wirklich ausfüllen müssten. Schließlich ist Bost mit seinem Job als Geschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) gut ausgelastet. Und Protektor sollte nur ins Geschäft kommen, wenn alle anderen Rettungsleinen reißen – als Lebensversicherung der Lebensversicherer. Ein Fall, den sich selbst der Initiator des Unternehmens nur schwer vorstellen konnte: „Aus heutiger Sicht ist es eher wahrscheinlich, dass Protektor gar nicht aktiv werden muss“, erklärte Jochen Sanio, Chef der Finanzaufsicht BaFin, noch im vergangenen Jahr.

Gerade mal 18 Monate ist die Rettungsgesellschaft alt und der Ernstfall ist da: Protektor wird die laufenden Verträge der Mannheimer Lebensversicherung übernehmen und die Ansprüche an die Kunden auszahlen. Ein Fall, der für die Branche zum Menetekel werden könnte. Denn nicht nur die Mannheimer hat in den Zeiten des Börsenbooms die Muskeln spielen lassen und sich dabei kräftig verhoben. Die meisten Konzerne ächzen unter der Last der zusammengebrochen Aktienkurse und müssen nun mit Einbrüchen bei ihren festverzinslichen Anlagen rechnen. Die den Versicherten gemachten Renditezusagen dürften vielfach kaum mehr zu halten sein. Deutschland zähle inzwischen „zu den Lebensversicherungsmärkten mit hohem Risiko“, warnt Bob Yates, Assekuranz-Experte bei der Londoner Investmentbank Fox-Pitt Kelton.

Fast acht Wochen lang hatten die Spitzen der großen deutschen Lebensversicherer verhandelt, um die sich abzeichnende Blamage abzuwenden. Topmanager wie Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Leben, und Hans-Jürgen Schinzler, Vorstandsvorsitzender der Münchener Rück, drängten auf eine gemeinsame finanzielle Unterstützung der Mannheimer, weil sie einen kaum wieder zu reparierenden Imageschaden für die gesamte Branche fürchteten. In Hunderten Telefongesprächen und Dutzenden von Treffen versuchte GDV-Präsident Bernd Michaels mindestens 90 Prozent der Verbandsmitglieder für eine Rettungsaktion zu gewinnen. Doch die Vertreter großer ausländischer Konzerne, die mit Töchtern am deutschen Markt operieren, blieben kühl: Keinen Cent für die todkranke Konkurrenz, lautete ihre Devise. „Nur ein toter Konkurrent ist ein guter Konkurrent“, argumentierte Claus-Michael Dill, Chef der Axa Deutschland.

Ganze 0,51 Prozent Marktanteil hat die Mannheimer, gemessen an den Beitragseinnahmen, und ist damit die Nummer 32 im Markt. Die deutschen Lebensversicherer haben insgesamt 91 Millionen laufende Verträge in ihren Büchern, die Mannheimer davon 345 000. Finanziell ist der Zusammenbruch für die von der Branche mit ausreichend Eigenkapital ausgestattete Protektor denn auch verkraftbar. Doch der historisch bislang einmalige Absturz stellt das gesamte Geschäftskonzept der Lebensversicherer in Frage. „Das traditionelle Modell liegt unter dem Mikroskop“, charakterisiert der langjährige Chef der Swiss Re, Walter Kielholz, die Lage.

Die Branche hat sich verspekuliert. In den vergangenen drei Jahren haben die Lebensversicherer 103,8 Mrd. Euro in den Sand gesetzt. Allein die Allianz Leben hat 2002 10 Mrd. Euro verloren, die zur Münchener Rück gehörenden Lebensversicherer Hamburg-Mannheimer und Victoria zusammen mehr als 8 Mrd.Euro, die Axa 1,8 Mrd. Euro

Die 370 Mio. Euro, die der Mannheimer Leben den Garaus machen, sind da nur Kleingeld. Der Unterschied: Einige der Marktführer verfügten vor dem Crash über hohe Reserven und konnten die Börsenflaute ausgleichen. Andere haben die Verluste in das laufende Jahr verschoben und müssen sie noch abbauen. Alle haben finanzstarke Mütter, die im Notfall helfen könnten.

Aber noch ist nicht ausgemacht, dass alle Lebensversicherer das Jahr 2003 überstehen. Denn es war nicht die Lust an der Zockerei, die Versicherungsmanager wie den Mannheimer-Chef Hans Schreiber dazu verleitete, im falschen Moment Milliarden-Wetten auf einen steigenden Dax abzuschließen. Die Versicherer haben ihre Kunden jahrelang mit zu hohen Renditen gelockt, die sie bei den seit Anfang der 90er Jahre fallenden Zinsen mit ihren festverzinslichen Anlagen nie erwirtschaften konnten. 7,1 Prozent wurden 2001 im Schnitt auf den Sparanteil der Prämien zugesagt, selbst 2002 waren es noch 6,13 Prozent.

Ein Versprechen, das nur mit satten Spekulationsgewinnen einzulösen war. Marktführer wie die Allianz fuhren ihre Rendite mit Hilfe alter, günstig eingekaufter Aktienbestände hoch. Newcomer wie die Mannheimer stiegen zu spät ein – und verloren im Börsencrash alles.

Dafür zahlen am Ende vor allem die Versicherten. Denn die von den Branchenlobbyisten immer wieder vorgetragene Behauptung, kein Kunde habe Geld verloren, ist falsch. Wer statt sechs oder sieben Prozent, mit denen er nach Auskunft eines zungenfertigen Vertreters rechnen konnte, wegen der Aktienkrise plötzlich nur noch den Garantiezins von 3,25 Prozent erzielt, hat in seiner Altersversorgung oder Immobilienfinanzierung plötzlich ein dickes Loch.

Mit Recht haben die Branchenchefs deshalb Sorge, dass die Krise das Vertrauen der Kunden in die Kapital-Lebensversicherung beschädigt. Zwar garantiert ihnen der Versicherer eine Rendite von mindestens 3,25 Prozent (ab 1. Januar 2004 sind es nur noch 2,75 Prozent), und stellt zusätzlich eine Überschussbeteiligung in Aussicht. Doch welcher Anteil der Beiträge der Versicherten für Kosten, welcher als Versicherungsprämie für die übernommenen Risiken und welcher schließlich als zu verzinsender Sparanteil verwendet wird, teilen nur die wenigsten Versicherer ihren Kunden mit. So können die Unternehmen üppige Provisionen verteilen und ihre aufgeblähten Vertretertruppen und Verwaltungen subventionieren – auf Kosten der ahnungslosen Versicherten.

Die so genannte Beitragsrendite liegt deshalb deutlich unter den vier oder fünf Prozent, die den Kunden versprochen werden – meist sind es nicht einmal zwei Prozent. Bislang verhindert vor allem das professionelle Geschick der Versicherungsvertreter, dass das Neugeschäft nicht einbricht. Die können ihre Klientel mit den bislang noch steuerfreien Erträgen locken, wenn die Beiträge mindestens zwölf Jahre lang gezahlt werden. Zudem hat die Lebensversicherung hat immer noch den Ruf, eine sehr sichere Anlageform zu sein. Deshalb ist die Garantieverzinsung für die Assekuranz so wichtig.

Genau hier könnte aber die Achillesferse der Branche liegen: Keine Bank kann es sich leisten, ihren Kunden eine Verzinsung von 3,25 Prozent über 30 Jahre zu garantieren. Die Lebensversicherer sagen eine derartige Rendite für Riesensummen zu – die gesamten Kapitalanlagen belaufen sich auf knapp 600 Mrd. Euro. Ein großes Risiko für die Kunden und eine kaum zu überschauende Gefahr für die Versicherer, wenn die Börse nicht mehr mitspielt. In Japan sind bereits sieben Lebensversicherer in die Insolvenz gegangen, weil die Lücke zwischen den fest zugesagten Garantiezinsen und dem, was sie tatsächlich erwirtschaften konnten, das Eigenkapital verzehrt hat. In der Schweiz brachte eine ähnliche Konstruktion in der betrieblichen Altersversorgung den Marktführer Swiss Life an den Rand des Zusammenbruchs. In Großbritannien müssen die Equitable Life (und ihre Kunden) dafür zahlen, dass das Management vor 20 Jahren großzügige Garantieversprechungen gab, die nicht zu erfüllen sind.

Noch gibt es solche Probleme in Deutschland nicht. Aber die Zukunftsaussichten sind keineswegs rosig: Denn auf die Aktienkrise könnte schon bald eine Rentenkrise folgen. Mehr als 70 Prozent der Kapitalanlagen stecken in festverzinslichen Papieren. Bei Neuanlagen müssen die Versicherer heute Zinsen von vier Prozent und weniger akzeptieren. Fallen die Zinsen weiter, wachsen die Probleme bei der Mindestverzinsung – immerhin sind für große Teile der Bestände vier Prozent garantiert.

Aber wenn die Zinsen steigen, kostet das auch viel Geld: Dann sinkt der Kurs der Wertpapiere mit niedrigen Zinsen, die die Versicherer in ihrem Bestand haben, und hohe Abschreibungen würden fällig. Nach Berechnungen der Provinzial Kiel würde ein Zinsanstieg um einen Prozentpunkt 214 Mio. Euro an Abschreibungsbedarf bedeutet, ein Anstieg um zwei Prozentpunkte sogar 401 Mio. Euro. Das wäre einerneuter Schlag ins Kontor – vor allem für jene Unternehmen, die nach dem Crash ganz aus den Aktienmärkten ausgestiegen sind und so über keinerlei Ausgleich mehr verfügen.

Die fetten Jahre sind vorbei: Die Finanzaufsicht BaFin wird die Zahlen der Unternehmen noch genauer als bisher unter die Lupe nehmen. Auch in der Assekuranz wird die Analyse des Verhältnisses zwischen den Kapitalanlagen und den langfristigen Verpflichtungen, das so genannte Asset-Liability-Matching, Einzug halten.

Zu hohe Kosten werden wohl nur mit Fusionen unter Kontrolle zu bringen sein. Die gegenwärtigen Vertriebsstrukturen müssen auf den Prüfstand, das Verkaufsargument Garantieverzinsung könnte schon bald auf der Strecke bleiben. „Die gegenwärtige Krise ist so schwer“, sagt Branchenkenner Kielholz, „dass die Lebensversicherer sehr ernsthaft über einschneidende Änderungen ihrer Strategien nachdenken müssen.“

Zitat:

„Deutschland zählt zu den Lebensversicherungsmärkten mit hohem Risiko“ – Bob Yates, Fox-Pitt Kelton

„Das traditionelle Modell liegt unter dem Mikroskop“ – Walter Kielholz, Ex-Swiss-Re-Chef

Bild(er):

Auf derAchterbahn: Nach den vollmundigen Versprechungen der vergangenen Jahre stellt sich bei vielen Versicherten jetzt ein mulmiges Gefühl ein – Ball/TG; FTD-Montage.

Quelle: Financial Times Deutschland


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