Markt für Rückversicherer ist ausgereizt

Preise werden langfristig wohl wieder fallen · Unternehmen fahren 2003 hohe Erträge ein · Branche wappnet sich mit härteren Vertragsbedingungen

Von Herbert Fromme Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass die Phase heftiger Preiserhöhungen in der Rückversicherung sich nach vier Jahren ihrem Ende nähert. Nach Einschätzung von Fachleuten muss das aber nicht unbedingt bedeuten, dass die Rückversicherer in den nächsten Jahren Gewinneinbrüche hinnehmen müssen. Sie haben die Hochpreisphase dafür genutzt, ihre Bedingungen erheblich zu verschärfen. Diese Änderungen werden sich noch über Jahre positiv für sie auswirken. So haben sie neue Obergrenzen für ihre Haftung sowie Ausschlüsse durchgesetzt – in der Haftpflicht etwa von Schäden durch Blutprodukte, Tabak oder Asbest.

Rückversicherer wie Münchener Rück, Swiss Re oder Hannover Rück sind Großhändler des Risikos. Sie übernehmen von Erstversicherern wie Allianz oder Axa Teile der Risiken und der Prämien. An den Schäden beteiligen sie sich entsprechend. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre machten die meisten Rückversicherer im Kerngeschäft Verlust. Wegen der Börsenkonjunktur verdienten sie aber mit dem Anlegen ihrer Gelder genug, um diese Verluste auszugleichen.

Damit ist seit einigen Jahren Schluss. Schon im Jahr 2000 begannen die Preise anzuziehen, der Terroranschlag vom 11. September 2001 beschleunigte die Entwicklung. Doch jetzt gibt es immer mehr Hinweise, dass der Markt keine weiteren Höhenflüge mehr vor sich hat.

So hat der Weltmarktführer Münchener Rück in den Vertragsverhandlungen für 2004 mit einem Aufschlag von 4,5 Prozent geringere Preiserhöhungen durchgesetzt als in den Vorjahren. Ihre Kunden, die Erstversicherer, müssen in einzelnen Segmenten wie etwa der Haftpflicht 2004 zwar signifikant mehr bezahlen. Bei Naturkatastrophendeckungen und im Geschäft mit Energierisiken gingen die Preise aber zurück. Die Münchener Rück hat Anfang dieses Jahres mit den Erstversicherern 61 Prozent des Geschäfts in der Schaden- und Unfallversicherung neu verhandelt. Der Rest des Portfolios steht später an. „Die Preise haben sich in weiten Bereichen auf hohem Niveau stabilisiert“, sagt Vorstand Stefan Heyd. Die Münchener Rück habe für 2004 Preissenkungen nicht mitgemacht und lieber Geschäft aufgegeben, sagt er. Deshalb und wegen des niedrigeren Dollar-Kurses wird das Beitragsvolumen der Münchener Rück 2004 leicht zurückgehen.

Der Weltmarktzweite Swiss Re sieht kein Sinken der Preise. „Entgegen allen Voraussagen ist der Markt in den Vertragsabschlüssen für 2004 über alle Regionen und Sparten hinweg stabil geblieben oder sogar teurer geworden“, sagte Vorstand Stefan Lippe der FTD. Aber auch Lippe sieht einzelne Felder mit Aufweichungstendenzen, so den Markt für große Sachversicherungsrisiken in den USA. „Da sind die Preise nach unten gegangen, auch wenn man immer noch gut verdient“, sagte Lippe. Die Swiss Re habe sich aus Geschäftsgebieten zurückgezogen, in denen sie ihr Kapital nicht lukrativ genug einsetzen kann.

Im Jahr 2003 haben die Rückversicherer mehrheitlich gut verdient. So konnte die Münchener Rück in diesem Feld ihre Schaden-Kosten-Quote von 122,4 Prozent der Beitragseinnahmen auf 96,7 Prozent reduzieren. Statt 22,4 Cent Verlust auf jeden Beitrags-Euro zu produzieren, verdient die Münchener Rück jetzt 3,3 Cent – hinzu kommen die Kapitalerträge. Allerdings leidet das Unternehmen an Verlusten aus einem ganz anderen Geschäftsbereich, den Lebensversicherungstöchtern.

Das könnte mittel- und langfristig negative Folgen für den Versicherer haben. Wer in der jetzigen Hochpreisphase des Marktes nicht hohe Gewinne einfährt, hat es in schlechteren Zeiten deutlich schwerer als die Konkurrenz, die keine teuren Nebenkriegsschauplätze hat. Dass die Preise auch in der Rückversicherung nicht ewig auf dem jetzigen hohen Niveau bleiben, wissen alle Beteiligten. Sie werden sinken, nur das Ausmaß und der genaue Zeitpunkt stehen noch nicht fest.

Zitat:

„Die Preise haben sich in weiten Bereichen auf hohem Niveau stabilisiert“ – Stefan Heyd, Vorstand Münchener Rück

Bild(er):

Naturkatastrophen wie das Mulde-Hochwasser im August 2002 in Grimma sind ein typisches Geschäft für Rückversicherer. Sie decken die Risiken ab, die Erstversicherer allein nicht tragen können – Reuters/E-Lance Media

Quelle: Financial Times Deutschland


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