Vier Versicherer decken Werhahn-Großrisiko

Neben Gerling sind Hiscox, Gothaer und Bloemers Nassau beteiligt · Angst vor weiteren Großschäden

Von Herbert Fromme, Köln Neben dem Gerling-Konzern sind nach FTD-Informationen die Versicherer Hiscox, Gothaer und Nassau Versicherung direkt an dem möglichen Haftpflicht-Großschaden beteiligt, der auf die Steuerprobleme der Werhahn-Gruppe zurückgeht. In der Assekuranz wächst die Sorge, dass es noch weitere mögliche Großschäden auf Grund der Übernahmewelle 2001 und 2002 gibt, die jetzt ans Licht kommen könnten.

Die Werhahn-Gruppe hat die Beratungssozietät Haarmann Hemmelrath wegen angeblicher Falschberatung beim Verkauf der AKB-Bank an die spanische Santander verklagt. Die Sozietät besteht aus Anwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern. Sie hat im In- und Ausland 1100 Mitarbeiter.

Das Finanzamt hat ein von Haarmann Hemmelrath entwickeltes steuersparendes Modell beim Verkauf nicht anerkannt und verlangt einen dreistelligen Millionenbetrag von der Werhahn-Tochtergesellschaft Märkische Bau-Union (MBU). Eine endgültige Entscheidung der Behörden gibt es noch nicht. Werhahn will sich bei Haarmann Hemmelrath schadlos halten.

Über die genaue Höhe der Finanzamtsforderungen gibt es unterschiedliche Angaben. In Versicherungskreisen wird sowohl die Summe von 480 Mio. Euro als auch die Zahl 520 Mio. DM (265 Mio. Euro) genannt – es geht um ein Geschäft aus dem Jahr 2001, als noch in D-Mark abgerechnet wurde.

Die Sozietät hatte sich nach Angaben aus der Assekuranz speziell für die Beratung zu dem AKB-Geschäft eine Deckung gekauft – auf Verlangen des Kunden Werhahn. „Ursprünglich wollte Haarmann Hemmelrath eine viel höhere Deckung mit mindestens 500 Mio. DM Schutz, die war aber im Markt nicht zu bekommen“, sagte ein Manager. Schließlich schloss die Kanzlei eine Police über 300 Mio. DM (153 Mio. Euro) ab, die sie rund eine Mio. DM gekostet haben dürfte.

Die Deckung besteht aus zwei Teilen, so genannten Schichten oder Layern: Für alle Schäden bis 210 Mio. DM muss der Gerling-Konzern allein aufkommen. Den zweiten Layer in Höhe von 90 Mio. DM teilen sich der britische Versicherer Hiscox mit 55 Mio. DM Deckung, die Gothaer in Köln mit 25 Mio. DM und mit 10 Mio. DM die deutsche Niederlassung der niederländischen Bloemers Nassau-Gruppe. Alle Versicherer haben sich ihrerseits rückversichert. Deshalb werden auch die großen Rückversicherer an dem Schaden beteiligt sein. Gerling selbst erwartet nach Angaben aus unternehmensnahen Kreisen einen Schaden auf eigene Rechnung von unter 10 Mio. Euro.

Der Ton zwischen Werhahn und Haarmann Hemmelrath wird inzwischen schärfer. In der Klageschrift gegen die Berater behauptet Werhahn, sie hätten damals nicht auf die drohende Änderung der Steuergesetze hingewiesen – die jetzt zur Steuernachforderung führt. Es habe außerdem „alternative Gestaltungsmöglichkeiten zur Vermeidung der Steuerpflicht des betreffenden Veräußerungsgewinns“ gegeben, formulierten die Werhahn-Anwälte aus der internationalen Großkanzlei Clifford Chance.

„Diese Vorwürfe sind unserer Ansicht nach haltlos“, konterte Haarmann Hemmelrath in einer Stellungnahme. Der Verkauf der AKB-Bank sei sowohl nach altem wie nach neuem Recht steuerfrei, die Sozietät habe mehrfach auf das Steuergesetz-Änderungsrisiko hingewiesen. „Auf Veranlassung unserer Berater wurde MBU sogar ein konkretes Angebot bezüglich der Versicherungsabdeckung eines Steuerrechtsänderungsrisikos vorgelegt.“ Das habe der Mandant aber wegen der hohen Kosten nicht angenommen. Auch habe es keine wirtschaftlich vernünftigen Alternativen zu der gewählten „Gestaltungsmöglichkeit“ gegeben, teilte Haarmann Hemmelrath weiter mit.

Offenbar will Werhahn mit der Klage über einen kleineren Teilbetrag die drohende Verjährung möglicher Ansprüche gegen Haarmann Hemmelrath vermeiden. Wochenlange Verhandlungen über eine Vereinbarung über einen Aufschub der Verjährungsfrist waren vorher gescheitert.

Zitat:

„Diese Vorwürfe sind unserer Ansicht nach haltlos“ – Stellungnahme von Haarmann Hemmelrath

Bild(er):

Wilhelm Haarmann, Gründer und Partner von Haarmann Hemmelrath, muss sich Sorgen um die Reputation der Kanzlei machen – Andreas Varnhorn

Quelle: Financial Times Deutschland


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