IG Metall kritisiert geplante Werftenfusion

Gewerkschafter und Arbeitnehmer fordern Nachbesserungen · Widerstand gegen Spezialisierung der Standorte

Von Kirsten Bialdiga, Düsseldorf, und Anja Krüger, Köln IG Metall und Arbeitnehmervertreter fordern in entscheidenden Punkten Nachbesserungen am Konzept zum deutschen Werftenverbund. „Die IG Metall sieht das Produktportfolio und die Verteilung der Produkte auf die einzelnen Standorte als kritisch an“, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft. Es sei fraglich, ob die von ThyssenKrupp und dem HDW-Eigentümer OEP vorgesehene Neuordnung wirtschaftlich tragfähig ist. „Die einzelnen Standorte haben perspektivisch nur eine Überlebenschance, wenn an jedem militärischer und ziviler Schiffbau betrieben wird“, sagte ein Sprecher der IG Metall Küste der FTD. Beschäftigte müssten bei fehlenden Aufträgen im zivilen Schiffbau vorübergehend in der militärischen Fertigung eingesetzt werden können und umgekehrt.

Mit dem Widerstand der Gewerkschaft zeichnet sich ein Streit um das industrielle Konzept für die Neuordnung der drei großen deutschen Marinewerften Blohm + Voss, Nordseewerke und HDW ab. Nach monatelangen Verhandlungen hatten sich das Management der ThyssenKrupp-Werften und der US-Finanzinvestor OEP auf die Struktur des neuen Werftenverbundes geeinigt. Nach dem Konzept, das dem ThyssenKrupp-Aufsichtsrat in der vergangenen Woche vorgelegt wurde, aber noch nicht genehmigt ist, sollen zwar die drei Standorte Hamburg, Kiel und Emden erhalten bleiben. Wie aus Verhandlungskreisen verlautete, sollen aber in Deutschland 1300 der international 9300 Arbeitsplätze wegfallen – 300 auf Grund der Fusion, 1000 wegen ohnehin vorhandener Überkapazitäten.

Der Plan sieht weiter vor, dass sich jeder Standort spezialisiert: Kiel soll sich künftig allein auf den U-Boot-Bau konzentrieren, Blohm + Voss in Hamburg für Überwasser-Marineschiffe, große Yachten und die Reparatur zuständig sein. Und die Emdener Werft baut künftig ausschließlich Handels- und andere Überwasserschiffe. Eine strategische Weiterentwicklung des Handelsschiffbaus sei in Zukunft dabei nicht geplant, hieß es in den Verhandlungskreisen. Die bisherigen Schritte seien mit der Bundesregierung verabredet. Aus der neuen Standortstruktur, dem geplanten Personalabbau und günstigeren Einkaufskonditionen erhoffen sich die Anteilseigner Einsparungen von rund 50 Mio. Euro.

Auf Kritik stieß die Planung auch bei den Arbeitnehmervertretern der Hamburger Blohm + Voss-Werft. „Wir begrüßen grundsätzlich das Konzept, aber an der einen oder anderen Stellschraube muss noch gedreht werden“, sagte Betriebsratschef Otto Tetau. Es dürften keine Monostrukturen an einzelnen Standorten geschaffen werden, so Tetau, der auch Aufsichtsrat im ThyssenKrupp-Konzern ist. „Die Produktzuordnung muss korrigiert werden. Sie ist zurzeit nicht optimal“, forderte er.

Nach dem Zeitplan der Anteilseigner sollen die Verträge über die Werftenfusion im September unterzeichnet werden. Anfang 2005 soll der neue Verbund starten und vom ersten Jahr an Gewinne erwirtschaften. Vorstandschef wird voraussichtlich der bisherige Chef der Thyssen-Werften, Klaus Borgschulte.

An der fusionierten Werftengruppe mit 2,2 Mrd. Euro Umsatz wird ThyssenKrupp mit 75 Prozent beteiligt sein und die industrielle Führung übernehmen. OEP erhält 25 Prozent und zusätzlich 220 Mio. Euro in bar. Das sind 20 Mio. Euro weniger als vor der eingehenden Prüfung der Bücher im Mai vereinbart. Offen ist noch, wo das neu fusionierte Unternehmen mit dem Arbeitstitel European Marine Systems AG (Emsag) seinen Sitz haben wird. Die einzelnen Markennamen wie etwa Blohm + Voss sollen erhalten bleiben.

Die nationale Werftenfusion gilt in der Branche nur als erster Schritt auf dem Weg zu einem europäischen Verbund nach dem Vorbild der EADS in der Luft- und Raumfahrt. Branchenkenner gehen davon aus, dass eine solche Konsolidierung auf europäischer Ebene innerhalb von drei Jahren bereits Formen annehmen könnte. Die nächste Etappe wird voraussichtlich ein Zusammenschluss der französischen Werften sein, in deren Mittelpunkt der Elektronikausrüster Thales und die U-Boot-Werft DCN stehen dürften. Bisher sperrt sich DCN noch gegen eine Übernahme durch Thales, hieß es in Branchenkreisen.

Zitat:

„Die Produktzuordnung ist noch nicht optimal“ – Blohm + Voss-Betriebsratschef Otto Tetau

Bild(er):

Ein Arbeiter streicht im Dock 10 von Blohm & Voss den Bug eines Schiffes. Die Werft tritt in den deutschen Werftenverbund ein – ddp/Roland Magunia

Quelle: Financial Times Deutschland


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