Marsh kämpft um das Überleben

Von Herbert Fromme, Köln Der US-Versicherungsmakler Marsh & McLennan muss nach Ansicht von Brancheninsidern um seine Existenz fürchten. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer hatte am Donnerstag Klage wegen Betrugs an Kunden und Aktionären gegen das Unternehmen eingereicht. Marsh & McLennan sagte gestern eine Telefonkonferenz für Analysten ohne Angabe von Gründen ab. Der Kurs des Unternehmens verfiel zeitweise um knapp zehn Prozent. Seit Mittwoch hat das Papier mehr als 40 Prozent abgegeben.

„Wenn sich die Beschuldigungen Spitzers als wahr herausstellen, kann Marsh das Arthur Andersen des Jahres 2004 werden“, sagte ein Londoner Versicherer. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Arthur Andersen wurde 2002 von einem US-Gericht für schuldig befunden, in dem Enron-Skandal die Justiz behindert zu haben. Das Unternehmen verlor erst den Großteil seines Geschäfts, dann die Eigenständigkeit.

Der Generalstaatsanwalt hat nach Angaben des „Wall Street Journal“ seine Untersuchung auf den Marsh-Konkurrenten Aon ausgedehnt, die Nummer zwei im Weltmarkt. Dabei geht es wie bei Marsh einmal um die Frage, ob Kunden mit Scheinangeboten getäuscht wurden, damit sie bei dem vom Makler präferierten Versicherer abschlossen – der gleichzeitig eine Extrazahlung an den Makler leistete. Außerdem will Spitzer von Aon wissen, ob das Unternehmen die Platzierung von Versicherungsdeckungen an die Bedingung geknüpft hat, im Gegenzug von dem Versicherer einen Auftrag für das Vermitteln des entsprechenden Rückversicherungsgeschäfts zu erhalten.

Spitzers Klageschrift enthält zahlreiche Beispiele, wie Marsh die Vergabe von Verträgen an bestimmte Versicherer steuerte, weil sie Zusatzzahlungen über die normale Provision hinaus leisteten. Etwa der Versicherer AIG: „Wenn AIG ein bestimmtes Geschäft hatte und der Vertrag erneuert wurde, verlangte Marsh von AIG ein so genanntes A-Angebot, wobei Marsh den Preis und die Bedingungen vorgab. Wenn AIG zu diesem Preis anbot, behielt es den Vertrag, gleichgültig ob der Versicherer auch billiger hätte anbieten können“, schreibt Spitzer.

Wenn ein anderer Versicherer den Vertrag hatte und behalten sollte, wurde AIG von Marsh aufgefordert, ein überhöhtes „B“-Angebot vorzulegen. In vielen Fällen lieferte Marsh auch dafür Daten und Fakten, so Spitzer. Ein AIG-Angestellter beschrieb einen solchen Fall in einer beschlagnahmten E-Mail: „Das war in Wirklichkeit keine reale Geschäftsmöglichkeit. Der besitzende Versicherer Zurich tat alles, was für die Erneuerung nötig war. Wir waren nur als Reserve da, falls Zurich doch ausfiel. Der Makler sagte, Zurich würde für rund 750 000 $ anbieten, wir sollten rund 900 000 $ fordern.“

Die überhöhten Preise mussten die Kunden zahlen. Als Beispiel nennt Spitzer den Schulbezirk von Greenville, South Carolina. Die Projektmanagement-Firma für Neubau, Ausbau und Renovierung von 55 Schulen suchte einen Versicherungsmakler und nahm Marsh unter Vertrag. Marsh erhielt 1,5 Mio. $. Ohne Wissen des Kunden nutzte Marsh den Auftrag, um beim Versicherer Zurich Druck in Richtung Abschluss eines Sonderzahlungsvertrags („Placement Service Agreement“, PSA) zu machen. In einer E-Mail schrieb Joan Schneider von Marsh an Zurich: „Im Moment sind Sie gleichauf mit ACE beim Greenville County School System, mit ACE haben wir ein PSA. Wie sieht es bei uns aus mit der Vereinbarung?“ Zurich bekam den Vertrag, unterschrieb die Vereinbarung aber nicht. Daher machte Marsh erneut Druck. Als Teil der Verhandlungen um Greenville bat Marsh-Manager Gell Bosshardt den Versicherer CNA um ein Scheinangebot und legte die beiden Angebote von Zurich und ACE bei. „Wir müssen ein CNA-Angebot vorweisen können, das irgendwo wettbewerbsfähig ist, aber keinesfalls gewinnen kann“, schrieb Bosshardt an CNA.

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Wie die hinduistische Bronzestatue des Gottes des Reichtums, Ganesh, kassierten die Versicherungsmakler mit vollen Händen ab. Die Rechnung zahlten am Ende die Industriekunden – Das Fotoarchiv/Andreas Buck; FTD/Thomas Lehne; FTD-Montage

Quelle: Financial Times Deutschland


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