Vorschriften legen Versicherern Fesseln an

Jeden Tag müssen Versicherer mehr als 1 Mrd. Euro neu anlegen. 2003 waren es insgesamt 385 Mrd. Euro. Die Branche verwaltet Kapitalanlagen von mehr als 1000 Mrd. Euro, davon entfallen 620 Mrd. EuroEuro auf die Lebensversicherung.
In dieser Sparte liegt das Hauptproblem der Unternehmen. Seit 1990 sinken die Zinsen für festverzinsliche Wertpapiere, die mehr als 80 Prozent des Portfolios ausmachen. Für Neuanlagen auf zehn Jahre konnten sie 1990 noch mit neunProzent rechnen, heute erzielen sie weniger als vier Prozent.
Das wäre nicht weiter gefährlich, wenn die Versicherer diese Zinssenkung eins zu eins an ihre Kunden weitergeben könnten. Aber das können sie nicht. Zwar haben die Gesellschaften die Überschussbeteiligung, die ihre Kunden auf den Sparanteil ihrer Prämie erhalten, in den letzten Jahren um mehr als drei Prozentpunkte abgesenkt. Für 2005 können die Kunden mit 4,3 Prozent Zinsgutschrift auf den Sparanteil der Prämie rechnen.
Doch der Spielraum nach unten ist begrenzt. Denn die Versicherer haben den Kunden bei ihrem Verkaufsschlager, den klassischen Lebens- und Rentenversicherungen, Zusagen gemacht, die auf eine Zinsgarantie hinauslaufen. Niemand zwingt sie, solche Garantien zu geben, nur die Höchstgarantie – der so genannte Rechnungszins – wird jeweils vom Finanzministerium festgelegt. Lange Jahre betrug er drei Prozent, dann 3,5 Prozent, eine Zeit lang auch vier Prozent, dann wieder 3,25 Prozent, heute schließlich 2,75 Prozent. Wenn aber ein Versicherer dem Kunden eine solche Zusage gemacht hat, muss er sie für die gesamte Laufzeit des Vertrages durchhalten.
Dadurch hat paradoxerweise die garantierte Verzinsung in den vergangenen 15 Jahren zugenommen, während die Verzinsung für festverzinsliche Papiere gesunken ist, hat Marktführer Allianz Leben berechnet. Im Durchschnitt aller Kunden muss ein Lebensversicherer heute Garantien von 3,5 Prozent bedienen, verglichen mit durchschnittlich drei Prozent im Jahr 1990.
Ein Renditeturbo wie strukturierte Produkte käme da gerade recht. Aber die Finanzaufsicht BaFin hat enge Regeln für die Nutzung solcher Anlageprodukte aufgestellt. Mit dem berühmten Rundschreiben 07/2004 (VA) erlaubt die Aufsicht den Versicherern zwar ausdrücklich, in Hedge-Fonds und strukturierte Produkte zu investieren. Aber gleichzeitig wird die bis dahin geltende Privilegierung von Anlageprodukten mit Kapitalgarantie aufgehoben. Die Versicherer müssen eine intensive Due Diligence bei den Fonds betreiben und nachweisen, dass sie die entsprechende Kapitalkraft haben. Außerdem ist die Branche in der Höhe der Anlage in die Produkte begrenzt. „Die Vorgaben der Aufsicht sind ein Grund dafür, dass solche Anlagen nur sehr langsam beginnen“, erläuterte Ulrich Krüger vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Wir werden keinen Boom bei Hedge Fonds erleben.“ Er schätzt das gegenwärtige Anlagevolumen auf weniger als ein Prozent der Gesamtanlagen.
Einige Gesellschaften sind bei Hedge-Fonds vorgeprescht. Zu ihnen gehört die Gothaer-Gruppe, die für ihre alternativen Investments bekannt war, heute aber deutlich vorsichtiger zu Werke geht.
Auch Asset Backed Securities (ABS) und Credit Linked Notes (CLN) sind bisher keine Renner – jedenfalls offiziell nicht. Nach Angaben der Finanzaufsicht BaFin hatten die Lebensversicherer Ende 2003 nur 1,2 Prozent ihrer Kapitalanlagen in ABS und CLN investiert. Hier verlangt die BaFin, dass die Produkte ein Rating von mindestens „BBB“ bei Standard & Poor’s aufweisen können.
Die momentanen Anforderungen der Aufsicht könnten in absehbarer Zeit noch verschärft werden, wenn, parallel zum Basel-II-Prozess bei den Banken, auch die Versicherer mit Solvency II unter einer EU-weit einheitlichen Beurteilung aller Risiken stehen. Für riskantere Kapitalanlagen benötigt ein Versicherer mehr Eigenkapital – und das ist knapp.
Zwar rechnen selbst die EU-Experten inzwischen nicht mehr mit der Einführung von Solvency II vor dem Jahr 2010. Aber schon heute entfalten die Regeln Wirkung. Das gilt erst recht für die neuen Bilanzierungsvorschriften unter IFRS. Auch sie wirken auf das Anlageverhalten, denn viele Produkte müssen anders bewertet werden.
Der dritte Grund für das zögernde Herangehen der Versicherer sind ihre Erfahrungen. Auf die Zinskrise der Neunziger antworteten sie mit dem raschen Ausbau ihrer Aktienbestände – zu dem Zeitpunkt, als die Börse sich schon der Spitze näherte. Die Anlagen der Versicherer sorgten für einen kräftigen Auftrieb für Aktien, der abbrach, als der Nachschub ausblieb. In der Baisse verhielten sich die Versicherer systembedingt wieder prozyklisch. Sie verkauften, als alle verkauften, und mussten sehr hohe Abschreibungen hinnehmen. Nur die vom Gesetzgeber auf Druck der Assekuranz eingeräumte Möglichkeit, Abschreibungen aufzuschieben, verhinderte Insolvenzen.
In den Notjahren waren einige Versicherer nicht wählerisch. Da wurden etwa Step-down-Anleihen gekauft, die im ersten Jahr eine hohe Verzinsung bieten und dann jahrelang eine magere. Bekannt wurde der Fall Hannoversche Leben, die mit diesem Mittel die Verzinsung noch einigermaßen akzeptabel halten wollte. Die Wirtschaftsprüfer hielten wenig davon und zwangen die Versicherer, die Belastungen aus den späteren niedrigen Zinsen ebenfalls zu zeigen.
Allerdings sind nicht alle Geschäfte ans Licht gekommen. „Manche europäische Bank hat ihre faulen Kredite in einen Hochzinsbond verpackt und vor allem Versicherern verkauft“, sagt der Vorstandschef einer großen Gesellschaft. „Da schlummert noch eine Reihe von Zeitbomben in den Kapitalanlagen“, unkte der Manager. In den Bilanzen für die Jahre 2004 und 2005 werde man die Explosionen hören.

Quelle: Financial Times Deutschland


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