Der kann was

kopf des Tages / wolf-dieter baumgartl, Talanx-Chef, schiebt sich in der Industrieversicherung ganz nach oben

Mit einem Paukenschlag meldet sich Talanx-Chef Wolf-Dieter Baumgartl zurück. Kurz vor seinem angekündigten Rückzug aus dem Geschäft kann der 62-Jährige die Übernahme der Gerling-Versicherer verkünden. Der neue Industrieversicherungsriese wird dem Marktführer Allianz ebenbürtig. Gleichziehen mit der Allianz, das können nur wenige Versicherungsmanager von sich behaupten.

Nicht dass es Baumgartl darum ginge. Er hat ein klares Kalkül. Nur durch eine solche Übernahme, glaubt er, kann er die Zukunft des Talanx-Konzerns sichern. Aber dass er mit den ganz Großen auf einer Stufe steht, wird sein ausgeprägtes Ego nicht stören.

Baumgartl ist zäh. Das hat er als Chef der Versicherungsgruppe Aachener und Münchener gezeigt. Dort stemmte sich Baumgartl 1991 und 1992 gegen einen mit allen Wassern gewaschenen Übernahmeversuch durch die Assurances Générales de France (AGF). Legendär ist eine vierstündige Pressekonferenz, bei der er sich erfolgreich gegen lancierte Vorwürfe über unsaubere Geschäftsmethoden wehrte – wie ein Tennisspieler, der Satzball nach Satzball abwehrt. Die AGF bekam die Gruppe, ehe sie später bei der italienischen Generali landete.

Baumgartls Treibstoff ist das Nikotin. In jener Pressekonferenz waren es allein zwei Schachteln. Die Sucht pflegt er immer noch mit Leidenschaft. Als die britische Versicherungsgruppe Royal & Sun Alliance Baumgartl vor einigen Jahren in ihr Gästehaus („strictly no smoking“) einlud, sorgt Baumgartl für eine Suspendierung des Verbots.

Die Aachener und Münchener verließ der studierte Jurist 1992, als sie zur AGF kam. Ein halbes Jahr später wurde er Chef des Haftpflichtverbandes der Deutschen Industrie (HDI) in Hannover. Ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, kontrolliert von der Industrie, der sich schwer tat mit den Umwälzungen in der Branche. In den folgenden Jahren baute Baumgartl den Konzern um, schloss problematische Auslandstöchter, zog die Zwischenholding Talanx ein, die er an die Börse bringen will. Eine bereits verkündete Fusion mit der HUK-Coburg platzte 1999 in letzter Minute. Auch bei Gerling zeigte sich Baumgartl zäh. Schon seit 2003 verhandelt er und kam erst nach zwei Anläufen zum Zug.

Die Integrationsarbeit wird er wohl anderen überlassen – und auch das Urteil darüber, ob sein Plan für Talanx aufgeht. In Hannover steht Finanzchef Herbert Haas bereit, die Rolle des Konzernlenkers zu übernehmen. Baumgartl hat sich in Italien unweit von Livorno ein Haus gebaut. Dort steht sein Motorrad, eine voll restaurierte Harley-Davidson „Fat Boy“. Auch gute italienische Rotweine haben es ihm angetan.

Baumgartl betont gerne, dass es ein Leben außerhalb der Versicherungswirtschaft gibt. Ihm glaubt man das auch. Herbert Fromme

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Quelle: Financial Times Deutschland


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